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Prostitution
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Prostitution (von lateinisch prostituere „nach vorn/zur Schau stellen, preisgeben“) bezeichnet die ZurverfĂŒgungstellung sexueller Handlungen gegen Entgelt. Seit den 1970er-Jahren wird die Vornahme sexueller Handlungen gegen Entgelt unter dem Begriff Sexarbeit subsumiert. Erfolgt die Prostitution unfreiwillig, ist es Zwangsprostitution.

Prostitution findet sich in allen Epochen und Kulturen. Die gesellschaftliche Bewertung unterliegt bis heute ungebrochen einem starken Wandel und wird von politisch-weltanschaulichen sowie religiösen Vorstellungen beeinflusst. In der Prostitution tĂ€tige Menschen, Prostituierte, gehören in vielen Kulturen einer sozialen Gruppe an, die bis heute von Menschenhandel, Gewalt, Ausbeutung, Diskriminierung, Stigmatisierung und Verfolgung bedroht ist. Über Jahrhunderte sind Prostituierte darĂŒber hinaus der Gefahr von gesellschaftlichen und politischen Anfeindungen ausgesetzt gewesen, bis hin zur Kasernierung, Deportation und Ermordung. Wurden sie vielerorts wahlweise als Kriminelle oder als Opfer abgestempelt, gab es seit Ende des 19. Jahrhunderts einen Wandel in der öffentlichen Meinung. In westlichen Gesellschaften wenden sich seit dem spĂ€ten 20. Jahrhundert ProstitutionsverbĂ€nde und Menschenrechtsorganisationen gegen Diskriminierung.

Contents

‱ Geschichte
‱ Altertum
‱ Mittelalter
‱ Definitionen
‱ Datenlage
‱ GESA-Studie
‱ Sextourismus
‱ Zielgruppe
‱ Motivation
‱ Gewalt
‱ Ausstieg
‱ Rechtslage
‱ Deutschland
‱ Siehe auch
‱ Literatur
‱ Weblinks

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Geschichte

Altertum

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Hauptartikel

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Prostitution in der Antike

Im Altertum, so zum Beispiel in Babylon und bei den Phöniziern in Tyros, existierte vor mehr als 3000 Jahren die sogenannte Tempelprostitution. Frauen vollzogen dort sexuelle Handlungen gegen „Geschenke“ an den Tempel oder Opfergaben fĂŒr die Gottheit. Dies stand immer in einem kultischen Zusammenhang und galt als den Göttern wohlgefĂ€llig. Im Gilgamesch-Epos 6. Tafel Verse 5 bis 79 sieht Albert Schott eine Kritik an den AuswĂŒchsen der kultischen Prostitution.cite-ref-1[1] FĂŒr die Zeit der griechischen Antike sind Prostituierte im heutigen Sinne bezeugt, also ohne sakralen Hintergrund. Die Griechen unterschieden zwischen der gewöhnlichen „Hure“ (πόρΜη pĂłrnē) und der „Gesellin“ (altgriechisch áŒ‘Ï„Î±áż–ÏÎ±, HetĂ€re). Auch die FeldzĂŒge Alexanders des Großen wurden von zahlreichen Prostituierten begleitet. Sowohl MĂ€nner als auch Frauen boten ihre sexuellen Dienste an, doch wie bei den Griechen wurde auch bei den Römern die Inanspruchnahme dieser Leistungen nur den MĂ€nnern zugestanden. In Rom arbeiteten die frei geborenen Prostituierten zumeist auf dem Straßenstrich, Sklavinnen in „Pinten“ und Bordellen.cite-ref-2[2] Einblick in das Bordellwesen liefern insbesondere die Funde aus dem Lupanar in Pompeji.

Im Alten Testament wird das Gewerbe sowohl als kultische als auch als Erwerbsprostitution erwĂ€hnt, zum Beispiel Spr 6,26 . Die Prostitutionsverbote Lev 19,29 und Dtn 23,18 beziehen sich nur auf kultische Prostitution.cite-ref-3[3] Es wird als naheliegend angesehen, dass ein Witwer die Dienste von Prostituierten in Anspruch nimmt. Dies wird von Tamar, der Schwiegertochter Judas, ausgenutzt, die sich prostituiert, damit Juda die ihr vorenthaltene Leviratsehe an ihr vollzieht (Gen 38,12–30 ). Der dabei gezeugte Sohn Perez und seine Mutter Tamar werden im Neuen Testament als Vorfahren Jesu in seinem Stammbaum genannt (Mt 1,3 ). Neben Tamar findet sich mit Rahab noch eine weitere Frau im Stammbaum Jesu, die ĂŒblicherweise als Prostituierte gedeutet wird (Jos 2 ; Mt 1,5 ). Im Neuen Testament wird erzĂ€hlt, dass Jesus mit allen gesellschaftlichen Außenseitern einen respektvollen Umgang pflegte (Lk 7,36–50 ), doch wird Prostitution in den Paulusbriefen verworfen (1 Kor 6,15 f. ), im christlich geprĂ€gten Weltbild dann in Verbindung gebracht mit Scham oder SĂŒnde.

Die ersten schriftlichen Überlieferungen von Prostitution in Japan gehen auf das 8. Jahrhundert zurĂŒck, dĂŒrften aber viel weiter zurĂŒckreichen. Kurtisanen genossen Prestige und Anerkennung.

Mittelalter

→

Hauptartikel

:

Prostitution im Mittelalter

Die kirchliche Moral verurteilte die Prostitution; dennoch argumentierten einflussreiche Autoren wie Augustinus, es handele sich um ein „kleineres Übel“. Der Prostitution wurde eine Ventilfunktion fĂŒr die sexuellen BedĂŒrfnisse derer zugesprochen, die das mittelalterliche Heiratsrecht benachteiligte. Gerade im SpĂ€tmittelalter gab es in vielen deutschen StĂ€dten Bordelle, die im Besitz der Gemeinde waren – Prostitution war nicht nur geduldet, sondern institutionalisiert. Die StadtrĂ€te verpachteten die Bordelle an Hurenwirte, die sich verpflichteten, gewissen Auflagen nachzukommen, etwa Hygienebestimmungen oder Vereinbarungen ĂŒber die Bezahlung der Huren. Neben dieser Sonderform der Prostitution im SpĂ€tmittelalter gehen Historiker von hĂ€ufiger Gelegenheitsprostitution und fahrenden Prostituierten aus, insbesondere in lĂ€ndlichen Gebieten. Im Mittelalter wurden Prostituierte in stĂ€dtischen FrauenhĂ€usern oder Privatbordellen nicht nur mit lateinischen AusdrĂŒcken bezeichnet, sondern auch mit Umschreibungen wie „freie Frauen“, „freie Töchter“, „gemeine Frauen“ (gemeyn frauwen), „gemeine Weiber“, „Fensterhennen“ (vensterhennen), „HĂŒbschlerinnen“, wĂ€hrend man bei Prostituierten, die sich von Ort zu Ort bewegten, von „fahrenden Frauen“, „trippĂąniersen“ oder „soldiersen“ sprach.cite-ref-4[4]

Renaissance und frĂŒhe Neuzeit

In spĂ€tmittelalterlichen und frĂŒhneuzeitlichen StĂ€dten waren die „HĂŒbschlerinnen“ oft zunftĂ€hnlich organisiert. Mit der Reformation verloren viele Prostituierte ihre Rechte und wurden aus den StĂ€dten vertrieben, weil die protestantische Sichtweise die Prostituierten als Sinnbild und Überbleibsel der Verderbtheit der katholischen Gesellschaft ansah. Viele von ihnen wurden als Hexen verbrannt.cite-ref-5[5] In Österreich wurden die im Mittelalter in vielen StĂ€dten eingerichteten FrauenhĂ€user im Laufe des 16. Jahrhunderts wieder geschlossen.cite-ref-6[6] Die Zeit der Renaissance war neben Kunst, Kultur und Wissenschaft in Europa auch eine BlĂŒtezeit des Kurtisanenwesens, eine gesellschaftlich akzeptierte Form der Prostitution. Vor allem in Rom, das auch „Haupt der Welt“ genannt wurde (Roma caput mundi), bestimmte diese Form der Prostitution wesentlich den Ruf und das Erscheinungsbild der Stadt. Die speziellen Gesellschaftsstrukturen und das kulturelle Klima in Rom im 16. Jahrhundert schufen die Voraussetzungen fĂŒr ein Nebeneinander klerikaler Prachtentfaltung und kĂ€uflichen Geschlechtsverkehrs. Bei Feiern, TheaterauffĂŒhrungen, Gelagen und EmpfĂ€ngen vor allem kirchlicher WĂŒrdentrĂ€ger wurde die Abwesenheit von Frauen immer mehr als Verlust und Mangel empfunden. Um diese „LĂŒcke“ zu fĂŒllen, lud man Kurtisanen zu solchen Gesellschaften ein. Das Wort „Kurtisane“ leitet sich ab von Cortigiana („Hofdame“) und bezeichnete um 1500 die gehobene Prostituierte, vergleichbar mit den HetĂ€ren des antiken Griechenlands.

Siehe auch

:

Kurtisanenwesen in Rom unter den RenaissancepÀpsten

17. Jahrhundert

→

Hauptartikel

:

Prostitution in Frankreich

Die Verheerungen des DreißigjĂ€hrigen Krieges (1618–1648) bedingte vielerorts einen Zerfall der Gesellschaft und ihrer Normen. Entwurzelte Frauen, aber auch andere weibliche Angehörige und Ehefrauen der Soldaten, schlossen sich den umherziehenden Heeren als Trosshuren an. Der Tross erreichte teilweise solche Dimensionen, dass er von eigens bestallten Hurenweibeln organisiert werden musste. Ein Frauenschicksal dieser Zeit schildert Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen um 1670 im Romanzyklus Trutz Simplex.

Bei den kaiserlichen Truppen waren Prostituierte in vier Klassen unterteilt: Die erste und oberste Kategorie nahm die MĂ€tresse ein, die zweite die Konkubine, die dritte die Metze, die vierte und unterste die Hure.cite-ref-7[7]

Im Königreich Frankreich war die Prostitution im 17. Jahrhundert strafbar. Im Jahr 1658 hatte Ludwig XIV. verfĂŒgt, dass alle Frauen, die der Prostitution nachgingen, wegen Unzucht oder Ehebruchs verurteilt wĂŒrden, in die SalpĂȘtriĂšre zu internieren seien, bis sie Buße getan hĂ€tten und durch einen Priester die Absolution erhalten hĂ€tten.cite-ref-8[8] Gleichwohl gab es Straßenprostitution und Bordellwesen. Gleichzeitig blĂŒhte die Kultur der Kurtisanen und MĂ€tressen, von denen einige so mĂ€chtig und reich wurden, dass sie sogar RegierungsgeschĂ€fte beeinflussen konnten und auf etlichen ÖlgemĂ€lden portrĂ€tiert wurden. Die ganze Zunft der damaligen Kunst war von Prostituierten als Modell abhĂ€ngig, da die bĂŒrgerliche Frau sich nie als Modell fĂŒr ein GemĂ€lde zur VerfĂŒgung gestellt hĂ€tte. Auch in der darstellenden Kunst, wie Theater, Oper oder Ballett, waren die ÜbergĂ€nge zur Prostitution fließend, so dass in der italienischen Oper aus Schicklichkeit Frauen sogar ganz untersagt wurde zu singen und Frauenrollen mit Kastraten besetzt wurden.

18. Jahrhundert

Im Jahr 1794 wurde im § 999 des Preußischen Allgemeinen Landrechts festgelegt, dass sich „liederliche Weibspersonen 
 in die unter Aufsicht des Staates geduldeten HurenhĂ€user“ zu begeben hĂ€tten. Als „liederliche Weibspersonen“ galten Frauen, „welche mit ihrem Körper ein Gewerbe betreiben“ wollen.

Der britisch-niederlĂ€ndische Arzt und Sozialreformer Bernard de Mandeville sprach sich 1724 in einer populĂ€ren Streitschrift fĂŒr eine legalisierte, staatlich kontrollierte Prostitution aus.cite-ref-bdm-9-0[9] Seine Bescheidene Streitschrift fĂŒr Öffentliche FreudenhĂ€user enthĂ€lt eine fĂŒr die Zeit angesichts verschiedener Querelles des femmes durchaus einfĂŒhlsame und differenzierte Geschlechterpsychologie.cite-ref-bdm-9-1[9] Jonathan Swifts etwas spĂ€ter erschienene Satire A Modest Proposal spielt vermutlich auf den 1729 bereits sprichwörtlich gewordenen Titel an.cite-ref-bdm-9-2[9] Als Mittel gegen die Verbreitung von Geschlechtskrankheiten empfiehlt Mandeville, die Prostituierten kostenlos medizinisch zu behandeln, wenn sie eine Ansteckung freiwillig meldeten, aber sie zu verbannen und hart zu bestrafen, wenn sie diese verbĂ€rgen.cite-ref-bdm-9-3[9]

19. Jahrhundert

Wegen des Bevölkerungswachstums in der Zeit der industriellen Revolution nahm die Zahl der Prostituierten insbesondere im 19. Jahrhundert zu. Ein immer grĂ¶ĂŸer werdender Anteil der Stadtbevölkerung lebte in Armut. Besonders betroffen waren davon Frauen, die meistens nur ĂŒber eine geringe Ausbildung verfĂŒgten und denen hĂ€ufig nur TĂ€tigkeiten offen standen, in denen sie geringfĂŒgige GehĂ€lter verdienten. Zu den Gelegenheitsprostituierten zĂ€hlten DienstmĂ€dchen, Modistinnen, Blumenfrauen und WĂ€scherinnen, die sich auf diese Weise ihr Gehalt aufbessern mussten. Manche Frauen waren nur durch die Prostitution in der Lage, ausreichend Geld fĂŒr ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Karl Marx konnotierte 1844 die Prostitution als eine besondere Ausdrucksform der allgemeinen Prostitution des Arbeiters.cite-ref-10[10]

Immer mehr Staaten gingen dazu ĂŒber, die Prostitution gesetzlich zu regulieren. Eine solche Regulierung, gerechtfertigt durch eine beabsichtigte soziale, gesundheitspolitische oder auch moralische Kontrolle, machte es den Prostituierten praktisch unmöglich, ihrem Milieu zu entkommen. Die Reglementierung zementierte auch die sexuelle Doppelmoral, die Prostituierte gesellschaftlich Ă€chtete, die Prostitution aber gleichzeitig als ein fĂŒr MĂ€nner notwendiges Übel oder erwĂŒnschtes Erprobungsfeld ansah. Man wollte jederzeit auf sie zurĂŒckgreifen können, sie jedoch nicht als gesellschaftliche NormalitĂ€t anerkennen. Viele Frauen der Mittelschicht wehrten sich gegen diese Doppelmoral.

In Bremen wurde im sogenannten Bremer Reglement von 1852 festgelegt, dass die Prostitution „kein Gewerbe im eigentlichen Sinne“ sei. Durch diese Unterscheidung zwischen Prostitution und erlaubtem Gewerbe wurde die Sittenwidrigkeit unmittelbar juristisch verankert.cite-ref-11[11]

In Großbritannien wurden in den Jahren ab 1864 die Contagious Diseases Acts mit dem Zweck der medizinischen Kontrolle zur Vermeidung der sich immer weiter ausbreitenden Geschlechtskrankheiten erlassen. Josephine Butler fĂŒhrte den Kampf der Ladies’ National Organisation gegen die Contagious Diseases Acts an. Diese Kampagne, die in Prostituierten weniger ‚Schuldige‘ als Opfer mĂ€nnlicher LĂŒsternheit sah, „verĂ€nderte [
] die politische Landschaft Großbritanniens wĂ€hrend der spĂ€tviktorianischen Zeit. Mit der Kampagne wurden soziale und sexuelle Konventionen hinterfragt, die nie zuvor öffentlich diskutiert wurden. Die Kampagne radikalisierte zahlreiche Frauen, hĂ€rtete sie gegenĂŒber öffentlichen Angriffen und Verleumdungen ab und schuf eine Infrastruktur des politischen Protests“.cite-ref-12[12] Die Erlasse wurden 1883 außer Kraft gesetzt und 1885 vollstĂ€ndig aufgehoben. Das Problem war dadurch aber nicht aus der Welt geschafft, da die Erlasse wichtig waren. Nachdem die Frauenbewegung ihr Ziel erreicht hatte, ließ das Interesse an den Rechten der Prostituierten nach. Eine große Verelendung war die Folge, da die Bordelle auf Betreiben der FrauenverbĂ€nde geschlossen worden waren und die Prostituierten dazu gezwungen waren, auf die Straße zu gehen, wo sie polizeilicher WillkĂŒr und Gewalt durch Kunden und konkurrierende ZuhĂ€lter erst recht schutzlos ausgeliefert waren. Folge war, dass die ProstitutionskriminalitĂ€t in die Höhe schoss. Die Geschlechtskrankheiten breiteten sich durch die nun nicht mehr kontrollierbare und kontrollierte Prostitution ungehemmt aus und fingen an, das BĂŒrgertum zu durchsetzen, da die Hauptkunden zumeist die Söhne und EhemĂ€nner der bĂŒrgerlichen Frauen waren, die sich in den VerbĂ€nden engagierten.

In der Kunst des ausgehenden 19. Jahrhunderts war ein deutlicher Bewertungswandel der Prostitution zu beobachten. Aus politischen GrĂŒnden wurde dies oft abgetan: „Vertreter der naturalistischen Schule wie Richard Dehmel, Max Dauthendey, Otto Erich Hartleben, Otto Julius Bierbaum und Karl Bleibtreu widmeten sich der Befreiung der Frau von moralischen Konventionen, der freien Liebe und der Erhöhung der Prostituierten zur ‚venus vulgivaga‘ (umherschweifende Venus) in einer Weise, die eher lĂŒstern als politisch zu nennen war.“ (Gordon A. Craig).

20. Jahrhundert

Auf der Ebene des Völkerrechts gab es Versuche, sich auf Standards zur BekĂ€mpfung von Prostitution und Menschenhandel zu einigen. Beispiele sind unter anderem das Internationale Übereinkommen vom 18. Mai 1904 zur GewĂ€hrung wirksamen Schutzes gegen den MĂ€dchenhandel und die Konvention zur Unterbindung des Menschenhandels und der Ausnutzung der Prostitution anderer von 1949.cite-ref-13[13]

WĂ€hrend des Zweiten Weltkrieges wurden von der Wehrmacht und der SS Wehrmachtsbordelle eingerichtet. Frauen, die bei dieser Form der Zwangsarbeit mit Geschlechtskrankheiten angesteckt wurden, wurden in Vernichtungslager verbracht oder exekutiert. In den Konzentrationslagern gab es Lagerbordelle. Es war bei allen Kriegsparteien ĂŒblich, Kriegsbordelle einzurichten. Den von den japanischen Besetzern Ostasiens euphemistisch sogenannten „Trostfrauen“, meistens Chinesinnen und Koreanerinnen, drohte Ă€hnliches.

Siehe auch

:

MilitÀrprostitution

In der DDR bediente sich das Ministerium fĂŒr Staatssicherheit der offiziell seit 1968 unter Strafe stehenden Prostitution zur Informationsgewinnung ĂŒber den „Klassenfeind“.cite-ref-14[14] Die Prostitution wurde nicht nur geduldet, sondern sogar durch Schulungen gefördert. Es wurden sowohl mĂ€nnliche als auch weibliche Prostituierte eingesetzt. Die Staatssicherheit der DDR nannte diese Art des Einsatzes „Frauenspezifische Verwendung“. Mit Informationen ĂŒber sexuelle Deviationen der „Zielpersonen“ (d. h. der Kunden) wurden Dissidenten erpressbar. Haupteinsatzorte bei West-Besuchern waren die Intershops sowie die Leipziger Messe, internationale Kongresse und Veranstaltungen und die dazu genutzten Devisenhotels.

Siehe auch

:

Prostitution in der Deutschen Demokratischen Republik

Nach der sexuellen Revolution ist die Prostitution in einigen LĂ€ndern von einem Tabuthema allmĂ€hlich in den Rang eines gesellschaftlich zumindest hingenommenen AlltagsphĂ€nomens aufgerĂŒckt. Dies kommt auch durch Darstellungen in Kunst, Musik und Literatur zum Ausdruck. WĂ€hrend in dem Film FrĂŒhstĂŒck bei Tiffany von 1961 noch Andeutungen gemacht werden, wurde das Thema in Liedern wie Honky Tonk Women (1969) von den Rolling Stones und Lady Bump (1975) von Penny McLean zunehmend deutlicher angesprochen. Anfang des 20. Jahrhunderts bot laut einer Erhebung des Department of Justice jede fĂŒnfzigste Frau in den USA zwischen 20 und 30 Jahren sexuelle Dienste fĂŒr Geld an. Eine in einem Bordell tĂ€tige Prostituierte konnte auf ein Jahreseinkommen von in heutigen Geldwert umgerechnet 76.000 US-Dollar pro Jahr kommen. Um 2009 verdiente eine Straßenprostituierte in Chicago durchschnittlich etwa 18.000 US-Dollar.cite-ref-15[15] Teile der Frauenbewegung lehnten und lehnen die Prostitution scharf ab, wĂ€hrend andere deren LegalitĂ€t ausdrĂŒcklich unterstĂŒtzen und Prostituierte in ihren ArbeitskĂ€mpfen unterstĂŒtzten. Die sich inzwischen etablierende Hurenbewegung der 1980er und 1990er Jahre kann als ein Teil der Frauenbewegung angesehen werden.cite-ref-16[16]

Die zunehmende Globalisierung und Öffnung der Grenzen verĂ€ndert das Bild der Prostitution. Frauen aus LĂ€ndern mit prekĂ€ren LebensverhĂ€ltnissen drĂ€ngen in die reichen Staaten oder werden angeworben oder angelockt, was die einheimischen Prostituierten zum Teil verdrĂ€ngt und neue Strukturen mit sich bringt.

21. Jahrhundert

2001 wurde ein RĂŒckgang der Prostitutionskunden in der westlichen Welt beobachtet, was zum einen auf eine Zunahme der Möglichkeiten sexueller AktivitĂ€ten außerhalb von Partnerschaften in Gestalt von Seitensprungportalen, Swingerclubs sowie Telefon- und Internetangeboten und zum anderen auf die Folgen von Finanz- und Wirtschaftskrisen zurĂŒckgefĂŒhrt wird. Gleichzeitig ist eine Zunahme des Prostitutionsangebots zu verzeichnen.cite-ref-17[17]

Der EuropĂ€ische Gerichtshof erklĂ€rte im November 2001, dass Prostitution zu den ErwerbstĂ€tigkeiten gehört, die „Teil des gemeinschaftlichen Wirtschaftslebens“ im Sinne von Art. 2 EG sind.cite-ref-18[18] In Deutschland gewann Felicitas Schirow im Dezember 2001 mit einem Urteil des Berliner Verwaltungsgerichtes einen Prozess, den sie um die vom Berliner Bezirksamt Wilmersdorf geforderte Schließung ihres Bordellbetriebs, des CafĂ© Pssst!, fĂŒhrte. In der UrteilsbegrĂŒndung des Gerichtes hieß es, die Prostitution sei heute nicht mehr als sittenwidrig anzusehen, es habe eine VerĂ€nderung der Wertvorstellungen gegeben. Prostitution sei zu einer sozialen RealitĂ€t geworden, die es zu akzeptieren gelte. Dennoch stellte das Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf im Februar 2001 gegen das Urteil Antrag auf Zulassung der Berufung.cite-ref-19[19] Parallel dazu gewann Stephanie Klee einen Prozess, in dem sie erfolgreich ihren Lohn fĂŒr sexuelle Dienstleistungen einklagte. Beide Urteile konnten als PrĂ€zedenzfall gewertet werden und gelten fĂŒr das Zustandekommen des im Januar 2002 in Kraft getretenen Prostitutionsgesetzes als bedeutend.

Der Ausschuss fĂŒr die Rechte der Frau und die Gleichstellung der Geschlechter (FEMM) des EuropĂ€ischen Parlaments schlug dem Parlament im sogenannten Honeyball-Report, benannt nach der Vorsitzenden Mary Honeyball, die Empfehlung des „Schwedischen Modells“ vor.cite-ref-20[20] Bereits 2004 wurde festgestellt, dass 6 Jahre nach der EinfĂŒhrung der Kundenbestrafung sowohl die Prostitution in Schweden generell als auch die Prostitution in Außenbereichen abnimmt.cite-ref-21[21] Am 26. Februar 2014 wurde die Resolution zur Empfehlung des Schwedischen Modells vom EuropĂ€ischen Parlament verabschiedet.cite-ref-22[22] Die nicht bindende Resolution wurde mit 343 Stimmen angenommen, 139 Abgeordnete stimmten dagegen, 105 enthielten sich.cite-ref-23[23]cite-ref-24[24] Ähnlich positionierte sich der Europarat am 8. April 2014 mit der Resolution 1983 (2014).cite-ref-25[25] Menschenrechts-, Frauen- und ProstituiertenverbĂ€nde, wie Gesundheitsexperten, Wissenschaftler und PolizeiverbĂ€nde kritisierten die Beweisaufnahme und Quellenrecherche als unzureichend, selektiv und manipulativ und fĂŒhrten ins Feld, dass bei einer Kundenbestrafung das Abrutschen der Prostituierten in die IllegalitĂ€t und dunkle KanĂ€le zu befĂŒrchten ist, wo sie nicht mehr erreichbar wĂ€ren.cite-ref-26[26]

Die gesellschaftliche Wahrnehmung der Prostitution im beginnenden 21. Jahrhunderts ist geprĂ€gt von der Zersplitterung in verschiedene Positionen und Anschauungen, die von totalem Verbot und massiver Kriminalisierung bis zu völliger Legalisierung und Anerkennung als ErwerbstĂ€tigkeit reichen. Als Kontrapunkt zu den Prostitutionsgegnern, die sich selbst Abolitionisten (nach dem Abolitionismus zur Abschaffung der Sklaverei) nennen, formierten sich national und international MenschenrechtsverbĂ€nde und Aktivistengruppen, die mit immer grĂ¶ĂŸerem Selbstbewusstsein die Anerkennung und Entkriminalisierung der Prostitution forderten. Bis zur Gegenwart werden die KĂ€mpfe zwischen den Parteien in der öffentlichen Diskussion und in den Medien erbittert gefĂŒhrt, wozu auch die sozialen Medien und das Internet mit den Manipulationsmöglichkeiten genutzt werden.

Im Sommer 2025 erschien der "Abschlussbericht - Evaluation des Prostituiertenschutzgesetzes", in dem die nach wie vor lĂŒckenhafte Datenlage beklagt wird. Dies gelte nicht zuletzt fĂŒr die Darstellungen der Prostitutionsgegner. Im Fazit auf Seite 18 heißt es "Die Behauptung, dass völker- und europarechtliche Abkommen (...) mehrheitlich ein grundsĂ€tzliches Sexkaufverbot empfehlen, trifft schlicht nicht zu." Weiterhin wird dort die Kritik erwĂ€hnt, dass eine Legalisierung der Prostitution die Nachfrage und somit den Menschenhandel fördern wĂŒrde. Dazu heißt es "Valide Belege fĂŒr diese Kritik gibt es bislang nicht". Die Behauptung, allein in Deutschland wĂŒrden 180.000 bis 360.000 Personen in der Zwangsprostitution ausgebeutet, sei "nicht sonderlich plausibel".cite-ref-27[27]

Formen und AusprÀgungen

Definitionen

Prostitution ist im Prostituiertenschutzgesetz definiert als der Verkauf von sexuellen Handlungen aller Art, wobei diese von der verkaufenden Person ausgeĂŒbt, zugelassen oder in direkter Anwesenheit der kaufenden Person vorgefĂŒhrt wird. Diese Definition umfasst auch erotische und Tantra-Massagen, deshalb mĂŒssen sich auch Masseurinnen und Masseure als Prostituierte anmelden.cite-ref-28[28] Nicht zur Prostitution gehören VorfĂŒhrungen mit ausschließlich darstellerischem Charakter wie zum Beispiel Striptease oder auch bezahlter Cybersex, da der Kunde nicht direkt anwesend ist.

Datenlage

Erkenntnisse und Daten werden hauptsĂ€chlich an Krisenorten wie KrankenhĂ€usern, Psychiatrien, Kinderheimen, FlĂŒchtlingslagern, Polizeistationen und/oder GefĂ€ngnissen erhoben und sind durch die besonderen UmstĂ€nde und Situationen der betroffenen Personen, den damit verbundenen Problemen sowie den kulturellen, sozialen und politischen HintergrĂŒnden beeinflusst. Es gibt Umfragen – sowohl unter Prostituierten als auch unter Kunden, die jedoch nicht immer reprĂ€sentativ sind.

PrĂ€zise Angaben ĂŒber Anzahl der Prostituierten gab es in Deutschland bis Ende 2013 nicht.cite-ref-bmfsfj-29-0[29]cite-ref-30[30] 2017 trat die Verordnung ĂŒber die FĂŒhrung einer Bundesstatistik nach dem Prostituiertenschutzgesetz (Prostitutions-Statistikverordnung – ProstStatV) in Kraft.cite-ref-31[31]

GESA-Studie

Die GESA-Studie Psychische Gesundheit von Sexarbeiter*innen in der Covid-19 Pandemie aus dem Jahr 2021 enthĂ€lt eine Tabelle Kontexte der Prostitution mit Angaben von 50 befragten Prostituierten.cite-ref-32[32] Demnach arbeiten nur die wenigsten Prostituierten auf dem Straßenstrich, im Wohnwagen oder Bordellen, jedoch die meisten im Escort-Service oder in Privatwohnungen.

| 56 % | Escort-Service |
|---|---|
| 54 % | Privatwohnung |
| 42 % | Hotelzimmer |
| 36 % | Internetplattform |
| 16 % | Sexualassistenz |
| 12 % | BDSM-Studio |
| 12 % | Auto |
| 0 8 % | Saunaclub / Massagestudio / Swingerclub |
| 0 6 % | Laufhaus / Bordell |
| 0 2 % | Straßenstrich |
| 0 2 % | Wohnwagen |

Prostitution im öffentlichen Raum

Bei der öffentlichen Prostitution stehen die Prostituierten an bestimmten, offiziell dafĂŒr vorgesehenen oder inoffiziell bekannten, offen einsehbaren Stellen und bieten sich potentiellen Kunden an. So findet Prostitution an Straßen, in Hotelbars, RaststĂ€tten und an Ă€hnlichen Orten statt. Relativ neu ist die Verrichtungsbox als kontrollierte Variante des Straßenstrichs. Bei der Straßenprostitution wird die Dienstleistung in der Regel entweder im Auto oder in Hotels durchgefĂŒhrt, oft in sogenannten Stundenhotels. Einige Prostituierte warten in Wohnwagen oder Wohnmobilen, die ihren Arbeitsplatz darstellen, an ParkplĂ€tzen oder AutobahnraststĂ€tten auf Kunden. Stefan Zweig gibt einen Hinweis auf den Ursprung des Begriffs „StrichmĂ€dchen“ in seinem Buch Die Welt von Gestern: „In Wien wurden sie allgemein ‚StrichmĂ€dchen‘ genannt, weil ihnen von der Polizei mit einem unsichtbaren Strich das Trottoir abgegrenzt war, das sie fĂŒr ihre Werbezwecke benutzen durften...“cite-ref-zweigdwvg-33-0[33]

ProstitutionsstÀtten

Bordelle sind spezielle HĂ€user, die ĂŒber einen Kontaktraum verfĂŒgen, in denen der Kunde eine Prostituierte oder einen Stricher (House of Boys) auswĂ€hlen kann und dann mit ihr oder ihm ein Zimmer fĂŒr den Sex (Ă€hnlich einem Stundenhotel) aufsucht. Abwandlungen sind LaufhĂ€user oder Straßen mit schaufensterĂ€hnlichen RĂ€umen im Erdgeschoss, in denen die Prostituierten sitzen.

Bei Modellprostitution mieten die Prostituierten Zimmer in sogenannten Modellwohnungen, manchmal nur fĂŒr eine begrenzte Zeit. Sie werben zum Beispiel in Lokalzeitungen oder im Internet, um Kunden anzuziehen. Einige Betreiber von solchen Modellwohnungen setzen gezielt auf diese Art des Angebots, um immer neue Gesichter zu garantieren und damit Kundeninteresse zu wecken. Zum Teil sind diese HĂ€user untereinander vernetzt und die Prostituierten sind in ein Rotationsprinzip eingebunden.

Bei Prostitution in Kontaktsaunen oder sogenannten Partytreffs sitzen die Prostituierten in einer gewollt wohnlichen AtmosphĂ€re und bieten sich so den Kunden an. FĂŒr die AusĂŒbung der sexuellen Handlungen sucht man entweder EinzelrĂ€ume auf oder sie finden auf sogenannten „Spielwiesen“ statt, wobei es durchaus vorkommen kann, dass mehrere Paare gleichzeitig die ausgehandelte TĂ€tigkeit durchfĂŒhren (bis hin zum Gruppensex). Gewöhnlich wird vom Kunden ein Pauschalbetrag als Eintritt bezahlt, der ein kaltes oder warmes Buffet, GetrĂ€nke sowie Wellnessangebote wie Sauna oder Whirlpool beinhaltet, jedoch keine sexuellen Dienstleistungen – diese sind direkt mit den Prostituierten zu vereinbaren.

In sogenannten Flatrate-Bordellen, auch Pauschalclubs genannt, zahlten Kunden zu Beginn einen Pauschalbetrag und konnten danach die Dienstleistungen der Frauen unbegrenzt nutzen. Diese GeschĂ€ftsstrategie ist seit EinfĂŒhrung des Prostituiertenschutzgesetzes im Jahr 2016 illegal.cite-ref-34[34]

In Nachtclubs sitzen Prostituierte als Animierdamen an der Bar. Einige bekommen Provision, wenn sie mit den GÀsten trinken und so deren Konsum fördern.

Begleitservice und Besuchsprostitution

Bei Begleitservice oder Besuchsprostitution (Callgirls, Callboys) werden Prostituierte direkt ĂŒber Kontaktanzeigen im Internet und Printmedien oder ĂŒber Vermittlungsagenturen (sog. Escortagenturen) gebucht. Die gewĂŒnschte sexuelle Dienstleistung wird beim Kunden zu Hause, in einem Hotel oder in einer separat angemieteten Wohnung erbracht. Bei gehobenen Escortdiensten gehen die gebuchten Prostituierten unter UmstĂ€nden auch auf Reise oder lassen sich auf Bestellung ins Ausland ein- und ausfliegen. Im Internet findet die Anbahnung meist ĂŒber Erotikportale und Foren statt. Letztere dienen auch dem Austausch ĂŒber GĂŒtekriterien der Leistung. Zu den bekanntesten Callgirls gehörte Xaviera Hollander.

Angebot diverser Sexualpraktiken

Angeboten werden eine Reihe von Sexualpraktiken. Von der Vielfalt der Stellungen und Praktiken zeugen schon die Abbildungen auf den Spintriae aus dem Römischen Reich.

Prostitution funktioniert nach den Gesetzen des Marktes; somit werden auch die von zahlenden Kunden verlangten Praktiken, Personen und PrÀferenzen in Bezug auf Geschlecht, Alter, Aussehen, TÀtowierungen, Intimschmuck, Haut- und Haarfarbe, Figur sowie körperliche und sonstige Besonderheiten jeglicher Art der Nachfrage entsprechend angeboten.

FĂŒr Sadomasochisten findet in SM-Studios eine Prostitutionsform statt, welche auf den sexuellen Genuss von „Strenge und Schmerz“ aufbaut. Die aktiv AusĂŒbenden werden Domina/Sado genannt, die passiv „Duldenden“ Sklave/Sklavia. Diese Szene zĂ€hlt sich selbst in der Regel nicht zum herkömmlichen Prostitutionsgewerbe. Allerdings sprechen sich einige Prostituierte dafĂŒr aus, auch Prostitution im BDSM-Bereich explizit als solche zu benennen.cite-ref-35[35]

In manchen ostasiatischen LĂ€ndern werden auch Menschenaffen fĂŒr sexuellen Missbrauch angeboten, wobei nicht deutlich wird, ob die Befriedigung sodomistischer Kunden oder die Versklavung der Tiere das Hauptmotiv liefert.cite-ref-36[36]

Sexualassistenz oder Surrogatpartner

Als Sonderform der Prostitution gilt die Surrogatpartnerschaft (auch Sexualassistenz oder Sexualbegleitung genannt) dar, die alte und behinderte Menschen bei der sexuellen BedĂŒrfnisbefriedigung unterstĂŒtzen soll. Sexualassistenten fĂŒhren Handlungen fĂŒr Menschen aus, wozu diese aufgrund körperlicher EinschrĂ€nkungen nicht fĂ€hig sind. Dabei können auch emotionale Partnerschaften eingegangen werden.cite-ref-37[37] Im Gegensatz zu vielen anderen therapeutischen oder behinderungsspezifischen Hilfen obliegt die Finanzierung dieser Dienstleistung in aller Regel den betroffenen Menschen selbst. Auch eine KostenĂŒbernahme durch die Krankenkassen (‚Sex auf Krankenschein‘) ist in Deutschland – anders als etwa in den Niederlanden – gesetzlich ausgeschlossen. In DĂ€nemark werden mit staatlicher Hilfe bessere Möglichkeiten zur Befriedigung sexueller BedĂŒrfnisse fĂŒr behinderte Menschen angeboten, das heißt, es werden nach Wunsch Prostituierte fĂŒr diese Menschen engagiert.cite-ref-38[38] Sexualassistenten werden in Deutschland durch spezielle (therapeutische) AusbildungsgĂ€nge geschult, um auf die besonderen BedĂŒrfnisse behinderter Menschen einzugehen. Allerdings ist die Ausbildung in vielen anderen LĂ€ndern unterschiedlich geregelt oder nicht vorhanden.cite-ref-39[39]

MĂ€nnliche Prostitution

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MĂ€nnliche Prostitution

MĂ€nnliche Prostitution richtet sich an einen ĂŒberwiegend mĂ€nnlichen Kundenkreis. In der sozialen Arbeit werden trotz schwieriger Abgrenzung oft Callboys als besser situierte und selbstbestimmter arbeitende Sexarbeiter von den Strichern unterschieden, die zumeist in prekĂ€ren VerhĂ€ltnissen leben. Die Leiterin der Kriseninterventionsstelle der Aids-Hilfe in Frankfurt am Main schĂ€tzt den Anteil von MĂ€nnern unter den Prostituierten in Frankfurt auf 30 Prozent. Die meisten von ihnen seien heterosexuell und suchen aus reiner Geldnot in Kneipen, Bars, Parks und Toiletten nach Kunden.cite-ref-40[40] Aktuelle Studien geben fĂŒr Deutschland einen MĂ€nneranteil von 8–12 % in der Prostitution an.cite-ref-41[41]

MÀnnliche Prostitution mit einem weiblichen Kundenkreis stellt die Ausnahme in Deutschland dar. Eine Sonderform stellen die Bumsters oder Beachboys dar, die in UrlaubslÀndern prostitutionsÀhnliche VerhÀltnisse mit Sextouristinnen eingehen.cite-ref-42[42]

Sextourismus

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Sextourismus

Zielgruppe

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Kunde (Prostitution)

Die Zielgruppe von Prostitution bilden vor allem MĂ€nner, die spezifisch als Freier, allgemeiner und zunehmend als Kunden, Klienten oder GĂ€ste bezeichnet werden. FĂŒr die Bezeichnung von Frauen haben sich entsprechende weibliche Formen eingebĂŒrgert (Kundin, Freierin). Gegner der Prostitution bezeichnen sie als Ausbeuter.cite-ref-43[43]

| Land | Anteil | Stichprobe | Jahr | Quelle |
|---|---|---|---|---|
| Finnland | 13 % | 624 | 1999 | Rotkirch u. a. [ 44 ] |
| Norwegen | 11 % | 1617 | 1992 | Leridon u. a. [ 45 ] |
| Schweden | 13 % | 1475 | 1996 | Lewin u. a. [ 46 ] |
| DĂ€nemark | 14 % | 6350 | 2005 | Lautrup [ 47 ] |
| Großbritannien | 7 % | 7941 | 1991 | Wellings u. a. [ 48 ] |
| Niederlande | 14 % | 392 | 1989 | Leridon u. a. [ 45 ] |
| Schweiz | 19 % | 1260 | 1992 | Leridon u. a. [ 45 ] |
| Spanien | 39 % | 409 | 1992 | Leridon u. a. [ 45 ] |
| Russland | 10 % | 870 | 1996 | Rotkirch u. a. [ 49 ] |
| Vereinigte Staaten | 16 % | 1709 | 1992 | Michael u. a. [ 50 ] |
| Australien | 16 % | k. A. | 2003 | Weitzner [ 51 ] |
| Deutschland | 18 % | 524 | 1994 | Kleiber u. a. [ 52 ] |

Wie viele Prostitutionskundinnen und -kunden es gibt, ist nicht genau bekannt. Udo Gerheim, UniversitĂ€t Oldenburg, schrieb 2012: „Es muss daher konstatiert werden, dass zur Zeit keine verlĂ€sslichen und abgesicherten quantitativen PrimĂ€rdaten ĂŒber das soziale Feld der Prostitution existieren.“cite-ref-53[53] Die in wissenschaftlichen und journalistischen Werken genannten GrĂ¶ĂŸenordnungen von 1,2 Millionen Kunden pro Tag und 400.000 Prostituierten in Deutschlandcite-ref-54[54] sind lediglich SchĂ€tzwerte und Hochrechnungen, die teilweise aus den 1980er-Jahren stammen. Hochgerechnet auf die mĂ€nnliche Bevölkerung bedeutet dies, dass im Durchschnitt jeder Mann zwischen 20 und 59 einmal monatlich eine Prostituierte aufsucht.cite-ref-55[55]cite-ref-56[56] Neuere Berechnungen gehen jedoch von deutlich weniger Sexarbeitenden aus. Eine Studie aus dem Jahr 2023 des Erotikportals Erobella kommt zu dem Ergebnis, dass es 88.800 Prostituierte hierzulande gibt, die Organisation Doña Carmen spricht von rund 90.000 Sexarbeitenden.cite-ref-57[57]cite-ref-58[58]

Hintergrund fĂŒr die schlechte Datenlage ist, dass die Prostitution als Themengebiet wenig Reputation verspricht und als anstĂ¶ĂŸig gilt. Vorhandene Untersuchungen beschrĂ€nken sich meist auf juristische, medizinische und sozial-hygienische Aspekte. Warum sich Untersuchungen vorwiegend mit der mĂ€nnlichen Nachfrageseite beschĂ€ftigen, beschreibt Gerheim wie folgt: „Im Vergleich zur bisherigen administrativen Regulation der Prostitution kann diese staatsfeministisch inspirierte Machttechnologie als entscheidender sozialpolitischer und juristischer Paradigmenwechsel betrachtet werden. Die Rollen in diesem gesellschaftlichen Drama sind in Gestalt des Kunden als mĂ€nnlicher (Gewalt-)TĂ€ter und der weibliche Prostituierten als hilfloses weibliches Opfer unwiderruflich festgelegt.“cite-ref-59[59] Die spĂ€rlich vorliegenden quantitativen Ergebnisse unterliegen zudem hohen Unsicherheiten. Diese ergeben sich aufgrund unterschiedlicher Erhebungsmethoden (telefonisch, online, schriftlich, persönlich), Erhebungspersonal (Mann oder Frau), VerstĂ€ndnis von Prostitution und der HĂ€ufigkeit der Prostitutionsnachfrage (einmalig, gelegentlich, regelmĂ€ĂŸig).

FĂŒr Deutschland haben Kleiber und Velten 1994 die Ergebnisse ihrer quantitativ empirischen Untersuchung vorgelegt. Dieser zufolge haben 18 % der mĂ€nnlichen Bevölkerung zwischen 15 und 74 Jahren bereits kĂ€uflichen Sex nachgefragt.cite-ref-60[60] FĂŒr die dĂ€nischen Daten konnte zudem 2005 differenziert werden, dass 60 % der prostitutiv aktiven MĂ€nner nur einmaligen bis geringen (bis zu fĂŒnf Mal) Kontakt zu Prostituierten hatten.cite-ref-61[61]

MĂ€nnliche Prostitutionskunden stammen aus allen sozialen Schichten und Altersgruppen, wobei die 20–40-JĂ€hrigen nach einer sozialstrukturellen Analyse der bundesrepublikanischen Freiergruppe nach Kleiber (2004) mit 72 % ĂŒberreprĂ€sentiert sind. Auch waren mit 56 % die ledigen MĂ€nner am stĂ€rksten vertreten gegenĂŒber 34 % Verheirateten und 10 % Geschiedenen.cite-ref-62[62] FrĂŒher wurde gelegentlich, etwa im Kinsey-Report, von einer ÜberreprĂ€sentation Ă€lterer MĂ€nner gesprochen. Zudem fĂŒhrten Kleiber und Velten aus, dass ĂŒberdurchschnittlich viele Kunden zwischen 20 und 40 Jahre alt, ledig oder geschieden sind und Abitur oder Fachabitur haben oder aus akademisch vorgebildeten Kreisen stammen. Es werden drei idealisierte Kundentypen prĂ€sentiert: 1. Der Playboy, 2. Der Verlierer und 3. Der Familienvater.cite-ref-63[63]

Doris Velten hat in ihrer Dissertation im Jahr 1997 bei 62 qualitativ-standardisierten Interviews mit Kunden zwei signifikante Alterskohorten bei dem Erstbesuch von Prostituierten beschrieben. So waren 47 % der MĂ€nner bei ihrem Erstbesuch jĂŒnger als 20 Jahre und 45 % zwischen 20 und 30 Jahre.cite-ref-64[64]

In Bezug auf weiblichen Sextourismus in der Karibik sind Hinweise auf eine ÜberreprĂ€sentanz von Frauen der amerikanischen weißen Mittelschicht erkennbar.cite-ref-65[65]

Deutliche Unterschiede hinsichtlich Einkommen und Bildung lassen sich allerdings bezĂŒglich der von mĂ€nnlichen Kunden nachgefragten Prostitutionssegmente beobachten. So ist die Finanzkraft der Kunden entscheidend fĂŒr das nachgefragte Prostitutionssegment. WĂ€hrend Straßen- und Beschaffungsprostitution tendenziell eher von finanzschwachen MĂ€nnern nachgefragt wird, orientieren sich finanzstĂ€rkere MĂ€nner eher im Hochpreissegment von Escort- und Hotelprostitution. Geld und SexualitĂ€t sind daher beides Mangelprodukte, die in der Prostitution getauscht werden.cite-ref-66[66] Dabei kann das Bezahlen zugleich Macht und Ohnmacht bedeuten,cite-ref-67[67] markiert es doch die BedĂŒrftigkeit der Kunden und verweist auf ihr Unvermögen, ohne Geld bei Frauen erfolgreich zu sein.cite-ref-68[68]

Jedermann-Hypothese

Einer Hypothese zufolge gibt es keine hinsichtlich sozialer oder kultureller Merkmale typischen Kunden.cite-ref-69[69] WĂ€hrend die Jedermann-Hypothese auch international mehrfach belegt ist,cite-ref-70[70]cite-ref-71[71] steht sie offensichtlich im Widerspruch zum Befund, dass eine Mehrheit der MĂ€nner keine Prostitutionskunden sind.

Gerheim schrieb 2012 hinsichtlich des Umfangs der mÀnnlichen Prostitutionsnachfrage:cite-ref-72[72]

„Es kann festgestellt werden, dass auch global betrachtet nur ein kleiner Teil der mĂ€nnlichen Gesamtbevölkerung Prostitution aktiv und regelmĂ€ĂŸig nutzt und dass fĂŒr eine relevante GrĂ¶ĂŸe der MĂ€nner die Nachfrage nach kĂ€uflichen Sex lediglich ein singulĂ€res bzw. marginales Ereignis darstellt.“

Feministische Sichtweisen

GemĂ€ĂŸ der feministischen Kritik der historischen und zweiten Frauenbewegung stellt Prostitution einen existenziellen Angriff auf das sexuelle Selbstbestimmungsrecht von Frauen dar und degradiert diese zu einem Tauschobjekt mĂ€nnlich sexueller Unterwerfungslust. Entsprechend werden Kunden mit Vergewaltigern gleichgesetzt,cite-ref-73[73]cite-ref-74[74] was jedoch in der wissenschaftlichen Diskussion strittig ist.cite-ref-75[75] Die Radikalfeministin Andrea Dworkin hat diese Gleichsetzung mĂ€nnlicher SexualitĂ€t mit Gewalt mit publizistischer UnterstĂŒtzung der EMMA-Herausgeberin Alice Schwarzer bereits 1987 geĂ€ußert.cite-ref-76[76] Dworkin geht dabei von der Annahme aus, dass Gewalt ein essentieller und naturgegebener Bestandteil der mĂ€nnlichen SexualitĂ€t ist. Entsprechend werden Prostitutionskunden als „normale“ MĂ€nner verstanden, die Frauen vergewaltigen.cite-ref-77[77] Prostitution wird dabei als spezielle Form mĂ€nnlicher Gewalt gegen Frauen interpretiert. Demzufolge sind alle Kunden Vergewaltiger, weil sie Frauen missbrauchen, indem sie durch Geld ihre Zustimmung erzwingen.cite-ref-78[78]cite-ref-79[79]

Motivation

Ein weiterer Ansatz ist die Charakterisierung aus Sicht der Kunden. So behauptet eine schwedische Studie, dass MĂ€nner, die nach EinfĂŒhrung der Kundenbestrafung weiterhin kĂ€uflichen Sex nachfragen, eine kranke perverse SexualitĂ€t besitzen.cite-ref-80[80]

Auf der Grundlage ihrer Stichprobe unterschied Doris Velten in ihrer biografischen Kunden-Studiecite-ref-81[81] in Deutschland sechs Kategorien von Kunden:

1. enttĂ€uschter Romantiker: Er ist zumeist Ă€lter als 40 Jahre und verheiratet, geschieden oder ledig und kommt in allen Bildungsschichten vor. Er nutzt die Prostitution als Ersatz fĂŒr empfundene Defizite in der privaten Partnerschaft. Er hĂ€tte lieber eine feste Partnerin und wĂ€re dieser treu. Das gelingt ihm aber nicht, da es entweder zurzeit keine Partnerin gibt oder sie sich sexuell verweigert.
2. rationaler Stratege: Er ist im Durchschnitt 39 Jahre alt und ebenfalls verheiratet, geschieden oder ledig. Im Gegensatz zum enttĂ€uschten Romantiker kann er seinen Prostitutionsbesuch rational durch Defizite erklĂ€ren, ohne das GefĂŒhl zu haben, etwas zu tun, was einer privaten Partnerschaft schaden könnte.
3. liberalisierter Kunde: Er ist ebenfalls ĂŒber 40, aber in der Regel geschieden und verfĂŒgt ĂŒber ein geringeres Bildungsniveau. Er hat sich von traditionellen Partnerschaftsvorstellungen freigemacht (liberalisiert) und geht zu Sexarbeitenden, weil er Lust an der Überschreitung von Grenzen hat. Gleichwohl kann sein prostitutiver Erstkontakt auch aus einem DefizitgefĂŒhl erfolgt sein. In Veltens Beispiel stellt dieser Kundentyp eine Ausnahme dar.
4. Hedonist: Er ist durchschnittlich Mitte 30, ledig und mit unterschiedlichem Bildungsniveau. Er besucht Prostituierte weniger aufgrund privater sexueller Defizite, sondern aus Lust an der Prostitution. Er hat eher unkonventionelle Partnerschaftsideale und keine Schwierigkeiten, die eigenen KundenaktivitÀten mit seinem Selbstbild zu vereinbaren.
5. zwiespĂ€ltiger Kunde: Er ist zwischen 20 und 30 Jahre alt. Er kann seine KundenaktivitĂ€ten ĂŒberhaupt nicht mit seinem Selbstbild vereinbaren, obwohl er keine konventionellen Beziehungsvorstellungen hegt. Er erlebt die Prostitutionsbesuche als unkontrollierbare rauschhafte Dynamik, die er zur Herstellung seiner MĂ€nnlichkeit nutzt und von denen er sich abhĂ€ngig fĂŒhlt. Er bereut den Prostitutionsbesuch, doch das GefĂŒhl der Minderwertigkeit als Mann zwingt ihn zu Wiederholung und zur erneuten Wiederherstellung von MĂ€nnlichkeit.
6. neugieriger Single: Er stellt wie der liberalisierte Kunde ebenfalls eine Ausnahme in der untersuchten Stichprobe dar. Er hat nicht-traditionelle BeziehungswĂŒnsche und weit mehr sexuelle Spontankontakte als andere Kundentypen. Er geht aus Neugier zu Prostituierten, eventuell nach einer festen Partnerschaft und in der Regel auch nur wenige Male im Verlauf seines Lebens. Kunde zu sein ist mit seinem Selbstbild nicht vereinbar, weil ihm der Kontakt zu wenig erotisch vorkommt.

Eine historische Auswertung finnischer Akten von Polizei, Gerichten und Gesundheits- und Ordnungsbehörden im Umfeld der Prostitution des 19. Jahrhunderts unterteilt die Kunden in

1. Studenten, Soldaten, Seeleute, Arbeiter und MĂ€nnergruppen,
2. verheiratete Àltere MÀnner aus der Mittelklasse und Oberschicht,
3. alleinstehende, obdachlose arme MĂ€nner sowie
4. Abenteurer auf der Suche nach spezifischen sexuellen Erfahrungen.cite-ref-82[82]

Die Erkenntnisse soziologischer und psychologischer Motivforschung ĂŒber die GrĂŒnde mĂ€nnlicher Nachfrage nach kĂ€uflicher SexualitĂ€t jenseits pathologisierender Diskurse (Sexualpathologie) sind spĂ€rlich und verweisen auf ganz unterschiedliche MotivbĂŒndel. JĂŒngere Untersuchungsmodelle gehen jedoch davon aus, dass die mĂ€nnliche Nachfrage weniger eine definierte Rolle ist, sondern sie wird mehr als sozialer Prozess verstanden, der sich in unterschiedlichen Sinnstrukturen untergliedern lĂ€sst.cite-ref-83[83]

Historisch wird die mĂ€nnliche Nachfrage mit einer Ventilfunktion in Verbindung gebracht. Dem liegt die Vorstellung einer mĂ€nnlichen DampfkesselsexualitĂ€tcite-ref-84[84] zugrunde. So wird von mĂ€nnlichem Triebstau und Triebabfuhr gesprochen. Diese Vorstellung hat ihre UrsprĂŒnge in der medizinischen SĂ€ftelehre, nach der die mĂ€nnlichen Genitalien eng mit dem sogenannten uro-genitalen Apparat verbunden sind. MĂ€nnliche SexualitĂ€t wird auf die Ejakulation reduziert, die Ă€hnlich wie der Harndrang einer vermeintlich „natĂŒrlichen“ Entleerung bedĂŒrfe.

Hinzu kommt die weit verbreitete Annahme, dass MĂ€nner wegen ihres stĂ€rkeren Sexualtriebs eine entsprechende Triebabfuhr brauchen, da ansonsten die Gesellschaft gefĂ€hrdet sei.cite-ref-85[85] Zusammen mit dem historischen Masturbationsverbot ergibt sich so die Gefahrenabwehr als erste BegrĂŒndung fĂŒr die mĂ€nnliche Prostitutionsnachfrage.

„Die Hure schĂŒtzt die bĂŒrgerliche Gesellschaft vor Unzucht, Vergewaltigung, VerfĂŒhrung, Betrug, Ehebruch, Selbstbefleckung (Piraten, Mordbrenner, SeerĂ€ubervolk). Nur durch die Schamlosigkeit der Huren ist die Keuschheit der Frauen und Jungfrauen möglich.“

–

Doris Velten

:

Aspekte der sexuellen Sozialisation.

Berlin, 1994.

FĂŒr die mĂ€nnliche SexualitĂ€t wird ferner eine besondere Objektbezogenheit angenommen. Diesen Objektbezug mĂ€nnlicher SexualitĂ€t beschrieb der BegrĂŒnder der Psychoanalyse Sigmund Freud mit den Worten: Wo sie lieben, begehren sie nicht, und wo sie begehren, können sie nicht lieben. Sie brauchen Objekte, die sie nicht lieben brauchen, um ihre Sinnlichkeit von ihren geliebten Objekten fernzuhalten.cite-ref-87[87] Vor dem Hintergrund dieser angenommenen Selbstbezogenheit des mĂ€nnlichen sexuellen Begehrens wird die Reduktion der Frau zum Sexualobjekt interpretiert. Prostitution erhĂ€lt zudem eine gegenĂŒber der bĂŒrgerlichen Ehe Kompensations- und Surrogatfunktioncite-ref-88[88] zur Regulation des mĂ€nnlichen Triebhaushaltes. Sie ermöglicht es MĂ€nner ihre „stets anwesende“ Sexualenergie ohne emotionale Bindungserwartungen und ohne soziale Konsequenzen wie Heirat oder Verlobung ungehindert und jederzeit ausagieren zu können.cite-ref-89[89] Dementsprechend entspringe die mĂ€nnliche Nachfrage nach kĂ€uflichem Sex einer bĂŒrgerlichen Doppelmoral mit dem patriarchalen Mythos, dass die mĂ€nnliche Über- und weibliche Unterordnung ein „erotischer“ Lustgewinn fĂŒr den Mann sei.cite-ref-90[90]

Im Widerspruch zur angenommenen Selbstbezogenheit und Objektfixierung des mĂ€nnlichen sexuellen Begehrens stehen allerdings Befunde, denen zufolge das Lustempfinden der Prostituierten ein wesentliches Nachfragemerkmal von Kunden ist und die glaubwĂŒrdige Inszenierung der weiblichen Lust und des weiblichen Begehrens ein wesentliches QualitĂ€tsmerkmal der nachgefragten kĂ€uflichen SexualitĂ€t darstellt.cite-ref-91[91]

Die Prostitutionsforscherin Sabine Grenz hat im Jahr 2005 anhand von 19 narrativen Interviews zur mĂ€nnlichen Nachfrage nach kĂ€uflicher SexualitĂ€t die folgenden zentralen Diskursmuster zur mĂ€nnlichen Prostitutionsnachfrage benannt: 1. Heteronormative Reproduktion von MĂ€nnlichkeit durch Ausschluss von HomosexualitĂ€t, 2. triebdynamische Selbstkonzepte und 3. das Fortbestehen sexueller Doppelmoral als mĂ€nnliche Machtstrategie.cite-ref-92[92] Sie fĂŒhrt dazu aus: „Der am hĂ€ufigsten aufgefĂŒhrte Grund dafĂŒr, zu Prostituierten zu gehen, ist insbesondere fĂŒr alleinstehende MĂ€nner der leichte und garantierte Zugang zu Sex, und fĂŒr MĂ€nner, die in Partnerschaft leben, die Suche nach Abwechslung bzw. der Wunsch nach sexuellen Praktiken, die die Ehefrau nicht teilen möchte.“cite-ref-93[93] Doris Velten fasst entsprechend zusammen:

„Prostitutionskontakte dienen nahezu immer der Minimierung sexueller Unzufriedenheiten.“

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Doris Velten

:

Aspekte der sexuellen Sozialisation.

Berlin 1994.

In der jĂŒngsten, an Pierre Bourdieu angelehnten, Feld-Habitus-dynamischen Untersuchung der mĂ€nnlichen Prostitutionsnachfrage aus dem Jahr 2012 hat Udo Gerheimcite-ref-95[95] schließlich die folgenden vier generalisierten Motivstrukturen beschrieben:

1. Die sexuelle Motiv-Dimension. Sie gilt als die bedeutsamste Motiv-Dimension und ist auf sĂ€mtliche Angebotsmuster des Prostitutionsumfeldes ausgerichtet, die auf eine unmittelbar körperlich-sexuelle Funktionslogik abzielen. Hierzu zĂ€hlen sowohl genuine sexuelle Motive als auch körperliche-erotische WĂŒnsche der MĂ€nner nach ZĂ€rtlichkeit und Körperkontakt.
2. Die soziale Motiv-Dimension. Diese ist zweigeteilt: Zum einen ist sie funktional auf kommunikativ-emotionale BedĂŒrfnismuster der Kunden ausgerichtet. Zum anderen ist sie auf destruktive Motivmuster menschlicher oder mĂ€nnlicher SozialitĂ€t bezogen (Macht-, Gewalt- und Dominanzmuster, Frauenhass).
3. Die psychische Motiv-Dimension. Sie zielt auf psychodynamische BedĂŒrfnisstrukturen von Kunden ab. Dabei geht es primĂ€r darum, psychische SpannungszustĂ€nde wie Scham- und SchuldgefĂŒhle, narzisstische KrĂ€nkungen, Selbstwertkrisen, Depressionen etc. oder andere missliebige Spannungslagen (etwa Langeweile oder Frustration) in der Prostitution auszuagieren.
4. Die Erotisierung der Subkultur. Sie umfasst zum einen die libidinöse Besetzung des Prostitutionsumfeldes als (antibĂŒrgerliche) Subkultur. Zum anderen wird hiermit die enorme sexuelle Anziehungskraft des Felds als sexuelle Omnipotenzdimension der Generierung und Befriedigung sexueller WĂŒnsche und Fantasien verbunden.

Ferner unterscheidet Gerheim hinsichtlich der Einstiegsmotive und der Motive der kontinuierlichen Nachfragepraxis.

‱ Als Einstiegsmotive werden die Neugier und nicht willentliche oder situationsbedingte Prozesse, die durch zufĂ€llig wahrgenommene Reize ausgelöst sind und durch „Alkoholkonsum, akute psychische Probleme oder Gruppendynamik“ vorhandene „moralische Zweifel oder Ă€sthetische Bedenken“ außer Kraft setzen, genannt. Als drittes Einstiegsmotiv benennt Gerheim „habituelle Krisen bzw. identitĂ€r aufgeladene sexualbiografische Ablaufstörungen“. Dazu werden „fehlende Sexualerfahrung, kommunikative Probleme im Kontakt mit Frauen, subjektiv empfundene UnattraktivitĂ€t, Verlust der Partnerin, ein â€șquĂ€lenderâ€č Wunsch nach sexueller Abwechslung, privat unrealisierbare sexuelle Praktiken“ gezĂ€hlt.cite-ref-96[96]
‱ Die kontinuierliche Nachfragepraxis begrĂŒndet Gerheim zum einen mit einer „anhaltenden Kompensationsstrategie bei fortlaufender habitueller Krise, vornehmlich als klassische Kompensation von Problemen in der privaten oder partnerschaftlichen SexualitĂ€t“. Demnach ĂŒbt die Prostitution einen starken „Sogeffekt“ auf die Kunden aus. Dabei „haben sich empirisch folgende Motive gezeigt: der allzeit mögliche, garantierte, direkte und unkomplizierter Zugriff auf jede denkbare gewĂŒnschte SexualitĂ€t, das Praktizieren von ‚reiner‘ bzw. ‚pornografischer‘ SexualitĂ€t ohne Vorlaufzeit, bereinigt von einer romantisch-zĂ€rtlichen körperlichen AnnĂ€herungsphase, die Ich-Zentrierung der Interaktion bei Ausschluss von Beziehungserwartungen, die raum-zeitliche Begrenztheit der intimen Begegnung, die Befreiung von Verantwortung fĂŒr die (sexuelle) Situation, die Möglichkeit mĂ€nnliche Rollenbilder und geschlechtsspezifische Anforderungen zu transzendieren (‚passiv‘ oder ‚anders‘ sein können) und privat unrealisierbare sexuelle Settings und Inszenierungen zu erwirken“.cite-ref-97[97]

Letzteres steht allerdings insoweit im Widerspruch zu vorherigen Befunden, als die tatsĂ€chlich nachgefragten sexuellen Praktiken sich nur wenig oder ĂŒberhaupt nicht von privaten partnerschaftlichen Sexualpraktiken unterscheiden. Die Mehrheit der befragten Kunden der Hydra Studiecite-ref-hydra-98-0[98] Ă€ußerten eher passive BedĂŒrfnisse nach ZĂ€rtlichkeit, NĂ€he, Streicheln, Kuscheln, Unterhaltung und viel Zeit.

Stellungnahmen und Selbstzeugnisse von Kunden

In der Debatte um die Kundenbestrafung erschien in Frankreich das Manifest „HĂ€nde weg von meiner Hure“,cite-ref-99[99] und in Deutschland der „Offene Brief an Alice Schwarzer“ der sog. „Freieroffensive“.cite-ref-100[100] In einigen Dokumentarfilmen kommen Kunden als Interviewpartner zu Wort.cite-ref-101[101]

Rahmenbedingungen

Unfreiwillige Prostitution und Zwangsprostitution

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Zwangsprostitution

Die GrĂŒnde, aus denen Menschen sich dazu gezwungen sehen, Sex als Arbeit auszuĂŒben, können sehr unterschiedlich sein und sind oft mehrschichtig. Die Abgrenzung zwischen Zwang und freiwilliger Berufswahl kann schwierig sein. In wirtschaftlich schwachen LĂ€ndern, beispielsweise in LĂ€ndern der Dritten Welt, ergreifen die Menschen diese TĂ€tigkeit meistens, weil sie sonst keine andere Möglichkeit sehen, ihren tĂ€glichen Lebensunterhalt zu bestreiten.

ZuhÀlterei

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ZuhÀlterei

ZuhĂ€lter ĂŒben oft Zwang auf die fĂŒr sie tĂ€tigen Prostituierten aus, entweder damit sie sich ĂŒberhaupt prostituieren oder damit sie den gewĂŒnschten Anteil an den Einnahmen an ihn oder sie abliefern. Bei allen Formen der Prostitution können die Prostituierten unter der Kontrolle eines mĂ€nnlichen oder weiblichen ZuhĂ€lters stehen. Es ist nicht ungewöhnlich, dass ZuhĂ€lter die Prostituierten unter Einsatz von Gewalt oder psychischer Manipulation (also durch gezieltes Ausnutzen persönlicher SchwĂ€chen), gelegentlich auch suchterzeugender Drogen, in einem Zustand der AbhĂ€ngigkeit halten. In solchen Situationen geht der Verdienst ganz oder weitgehend an die ZuhĂ€lter. Eine Gegenleistung wird bestenfalls darin geleistet, indem fĂŒr den Schutz der Prostituierten in dem oft nicht ungefĂ€hrlichen Milieu gesorgt wird.

ZuhĂ€lterei kann aber dazu fĂŒhren, dass Prostituierte mehr verdienen. So zeigt eine empirische Analyse von Prostituierten in Chicago, dass ZuhĂ€lter zahlungskrĂ€ftigere und -willigere Kunden rekrutieren als Prostituierte alleine. Auch können Prostituierte mit ZuhĂ€ltern vor Gewalt von Kunden besser geschĂŒtzt sein.cite-ref-102[102]

Menschenhandel

Insbesondere gibt es einen Bereich des grenzĂŒberschreitenden Menschenhandels, bei dem Menschen aus wirtschaftlich schwachen LĂ€ndern oder armen lĂ€ndlichen Gebieten von MenschenhĂ€ndlern unter Vorspiegelung legaler Arbeitsmöglichkeiten an andere Orte gelockt oder verschleppt werden, wo sie durch körperliche und seelische Gewalt und Freiheitsberaubung in persönliche und finanzielle AbhĂ€ngigkeit gebracht und dann zur Prostitution gezwungen werden.

Prostitution MinderjÀhriger und Kinderprostitution

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Prostitution MinderjÀhriger

Kinderprostitution war bereits im Altertum bekannt. Schon der römische Dichter Martial begrĂŒĂŸte es in einem seiner Epigramme, dass Kaiser Domitian ein Gesetz gegen die Prostitution MinderjĂ€hriger erlassen hatte.cite-ref-103[103]

SchÀtzungen von UNICEF zufolge werden vier Millionen Kinder im Rahmen von internationaler Kinderprostitution kommerziell sexuell ausgebeutet; nach SchÀtzungen der UNESCO zwei Millionen.cite-ref-104[104]cite-ref-105[105]

Im deutschen Strafrecht greifen, wenn eine Einwilligung oder sogar das Angebot von einer Person unter 14 Jahren vorliegt, fĂŒr sexuelle Handlungen §§ 176 und 176a StGB (Sexueller Missbrauch von Kindern). In LĂ€ndern wie Deutschland oder den Niederlanden wird das PhĂ€nomen der Loverboys beobachtet, die minderjĂ€hrige MĂ€dchen rekrutieren.cite-ref-106[106]

Gewalt

Prostitution findet hĂ€ufig „im Verborgenen“ statt, was vielfach als Grund dafĂŒr angesehen wird, dass Prostituierte mitunter Opfer von psychischer und physischer Gewalt werden. Serienmörder wĂ€hlen mitunter Prostituierte als Opfer, wie beispielsweise Jack the Ripper und Robert Pickton. Zudem berichteten 92 % aller befragten Prostituierten einer 2004 vom Bundesministerium fĂŒr Familie, Senioren, Frauen und Jugend in Auftrag gegebenen Studie davon, in ihrem Umfeld körperliche Gewalt zu erleben. 70 % aller befragten Frauen gaben außerdem an, schon mindestens einmal sexuelle Gewalt erlebt zu haben. Diese Befunde sind um ein Mehrfaches höher als jene der reprĂ€sentativen Bundesstudie aller in Deutschland lebenden Frauen.cite-ref-107[107] Das Risiko körperlicher Gewalt durch ZuhĂ€lter, Freier und/oder Bordellbetreiber ist bei Frauen und MĂ€dchen, die bereits in jungen Jahren mit der Prostitution begonnen haben, besonders hoch.cite-ref-108[108]

Interessenvertretungen riefen den 17. Dezember als „Internationalen Tag gegen Gewalt an Sexarbeiter_innen“ (International Day to End Violence Against Sex Workers) aus.cite-ref-109[109]

Beschaffungsprostitution

DrogenabhĂ€ngigkeit kann ein Grund fĂŒr den Einstieg in die Prostitution sein, ĂŒber die dann die Drogenbeschaffung finanziert wird. So motivierte Prostitution wird Beschaffungsprostitution genannt. Dass die AbhĂ€ngigkeit der Prostitution vorausgeht, wird hĂ€ufig beobachtet, insbesondere fĂŒhrte Crack in den USA zu einem Anstieg der Beschaffungsprostitution.cite-ref-recursive2019-110-0[110] In einer Metastudie wurde der RĂŒckgang der ProstitutionsausĂŒbung im Zuge des erfolgreichen Drogenentzugs beobachtet.cite-ref-111[111] Sucht und Prostitution stehen jedoch auch in einem WechselverhĂ€ltnis, indem Drogen die ProstitutionstĂ€tigkeit ertragen helfen oder Drogengebrauch Teil der Sexarbeit ist.cite-ref-recursive2019-110-1[110] FĂŒr Deutschland wird angenommen, dass bis zu 80 % der weiblichen DrogenabhĂ€ngigen ihren Konsum mit Prostitution finanzieren, weshalb ein entsprechender „Drogenstrich“ oft in der NĂ€he der Drogenszene angesiedelt ist.cite-ref-112[112] Beschaffungsprostitution kann mit einer besonders hohen Gefahr der Infektion mit STI einhergehen, der Gesundheitszustand der Betroffenen ist ĂŒberdurchschnittlich schlecht. Hinzu kommen Stigmatisierungen auch durch nicht-abhĂ€ngige Prostituierte.cite-ref-113[113]

Gesundheitliche und sozialhygienische Aspekte

Schlechte Arbeitsbedingungen, aber auch die fehlende gesellschaftlichen Akzeptanz und damit verbundene Rechtlosigkeit werden als Ursache fĂŒr ein körperliches und psychisches Ausbrennen (Burn-out) gesehen, unter denen einige Prostituierte leiden.cite-ref-114[114] Eine Studie von 2005 ergab, dass 41 % der Straßenprostituierten Gewalt erlebten. TĂ€ter sind aber auch die eigenen Beziehungspartner. Es wurden KnochenbrĂŒche, Verstauchungen, Verletzungen im Gesicht bis hin zu Brandwunden beschrieben.cite-ref-115[115]

In einer LĂŒbecker Studie (110 Teilnehmerinnen) aus dem Jahr 2007 wurde bei einem Viertel der untersuchten Straßenprostituierten eine behandlungsdĂŒrftige sexuell ĂŒbertragbare Krankheit diagnostiziert. Fast die HĂ€lfte war von einer akuten Infektion betroffen oder hatte eine solche hinter sich. In Bezug auf Syphilis und Hepatitis B war der Prozentsatz im Vergleich zu einer sich nicht prostituierenden Kontrollgruppe signifikant erhöht. Nicht signifikant erhöht waren: Chlamydieninfektion, bakterielle Vaginose, Candidainfektion und HIV. Die Verbreitung von Hepatitis C betrug bei Prostituierten 4,5 % und bei der sich nicht prostituierenden Kontrollgruppe 0 %.

Sexuell ĂŒbertragbare Krankheiten können ĂŒber einen lĂ€ngeren Zeitraum bestehen und erhebliche FolgeschĂ€den und Folgekosten nach sich ziehen, welche sich durch ungeschĂŒtzten Geschlechtsverkehr, Zahl der Kunden und deren weiteren Sexualpartner potenzieren. Aufgrund der in Deutschland seit 2001 vorgeschriebenen Freiwilligkeit der Untersuchung empfiehlt die Studie ein vermehrtes Zugehen auf die Prostituierten und die Schaffung einer langfristigen Vertrauensbasis.cite-ref-116[116]

Eine Untersuchung des Robert Koch-Instituts (1425 Untersuchungspersonen) von 2010/11 in mehreren GesundheitsĂ€mtern kommt zu dem Schluss, dass sich die Raten von sexuell ĂŒbertragbaren Krankheiten bei den Prostituierten der Untersuchungsgruppe ĂŒber die GesundheitsĂ€mter teils drastisch unterschieden, aber insgesamt nicht viel höher schienen als bei der Allgemeinbevölkerung. Es konnte allerdings eine hohe Infektionsquote bei Personen festgestellt werden, die erst vor kurzen der Prostitution nachgehen, unter 20 Jahre alt sind, Drogen nehmen, ohne Deutschkenntnisse, nicht alphabetisiert sind, keine Krankenversicherung haben oder auf Nachfrage Sex ohne Kondom praktizieren. Die Studie sieht einen dringenden Bedarf an prĂ€ventiven Maßnahmen, auch aufsuchenden Beratungs- und Untersuchungsangeboten durch Streetworkern und konstatiert: „PrĂ€ventives Verhalten ist schwer, solange die Frauen nicht die Erfahrung machen, dass sie durch ihr eigenes Verhalten ihre Zukunft gestalten können und langfristig positive Perspektiven sehen. Und schließlich gibt es wie bei vielen Menschen die Tendenz, medizinische Hilfe nur bei akuten Beschwerden aufzusuchen. Frauen, die zur Prostitution gezwungen werden, können sich oft auch nicht vor sexuell ĂŒbertragbaren Erkrankungen oder ungewollten Schwangerschaften schĂŒtzen.“cite-ref-117[117] Die HIV-Quote liege bei 0,2 % und sei bei Prostituierten in den Niederlanden mit 2 % um ein Vielfaches höher.

Dennoch warnte der Bochumer Dermatologe Norbert H. Brockmeyer, PrĂ€sident der Deutschen STI-Gesellschaft (DSTIG), im Dezember 2013 anlĂ€sslich der Tagung „Sexarbeit und STI-Forschung“ in Köln vor Restriktionen fĂŒr weibliche Prostituierte und vor Strafverfolgung von Kunden: „Wenn wir von unserem Vorgehen bei der HIV-Infektion lernen wollen, dann sehen wir, dass alle Staaten, die versucht haben, ĂŒber Zwangsmaßnahmen die HIV-Epidemiologie einzudĂ€mmen, dramatische ZuwĂ€chse an Infektionen hatten.“ Er warnt vor Ă€hnlichen Effekten in Deutschland, wenn weibliche Prostituierte und Kunden in Deutschland Strafen oder noch stĂ€rkere Stigmatisierungen befĂŒrchten mĂŒssen.cite-ref-118[118]

Ausstieg

Die Bedingungen fĂŒr einen Ausstieg gestalten sich fĂŒr Prostituierte im Allgemeinen schwierig, da sich beispielsweise bei Bewerbungen Probleme bei der Darstellung des Lebenslaufs ergeben können. Milieubedingte soziale und finanzielle AbhĂ€ngigkeiten erschweren eine andere Berufswahl und selbst die RĂŒckkehr in das Heimatland. Der Ausstieg scheint fĂŒr viele Prostituierte nicht nur finanziell riskant.cite-ref-119[119]cite-ref-120[120]

In Deutschland liegt die Verantwortung fĂŒr die Ausstiegsförderung vor allem bei den BundeslĂ€ndern.cite-ref-121[121] Die meiste Hilfe wird von Nichtregierungsorganisationen ĂŒbernommen. In Esslingen existierte ab den 1980er-Jahren ein Modellprojekt des Landratsamtes („Esslinger-Modell“), das Prostituierten den Ausstieg durch Zahlung des doppelten Sozialhilfesatzes und Ausbildungsangebote ermöglichen sollte. Durch die Hartz IV-Reformen im Jahre 2005 musste dieses Projekt jedoch eingestellt werden.cite-ref-122[122] In Berlin sorgte 2009 der Fall einer Prostituierten fĂŒr Aufmerksamkeit, die aus psychischen GrĂŒnden den Ausstieg vollziehen wollte und von Sozialhilfe abhĂ€ngig war, der jedoch vom Jobcenter LeistungskĂŒrzungen angedroht wurden, falls sie die Prostitution nicht weiterhin im Nebengewerbe ausfĂŒhren werde.cite-ref-123[123]

Gesellschaftliche und politische Akzeptanz

Gesellschaftliche Bewertungen

Prostitution wird hĂ€ufig als „unmoralisch“, „unsittlich“ und „gesellschaftsverderbend“ betrachtet. Von Teilen der Bevölkerung werden Prostituierte als „minderwertig“ angesehen. Ihnen werden meist automatisch negative Eigenschaften zugeschrieben, wie AmoralitĂ€t oder WĂŒrdelosigkeit. Sie haben einen Randgruppenstatus, da sie nicht den von der Mehrheit der Bevölkerung vertretenden NormalitĂ€tsvorstellungen entsprechen.cite-ref-124[124] HĂ€ufig war die Bewertung von der Doppelmoral geprĂ€gt, dass die nachfragenden MĂ€nner unabhĂ€ngig von ihrem Handeln anerkannt wurden und vor Geschlechtskrankheiten zu schĂŒtzende Vulnerable Gruppe gesehen wurden. Ende des 19. Jahrhunderts wurde diese Doppelmoral mit der Bewegung der Suffragetten stark kritisiert.

Im Zuge des Falles Riehl und der danach durchgefĂŒhrten polizeilichen Verfolgung und Landesverweisung von Straßen-Sexarbeiterinnen, — nicht aber der Bordellleiterin Riehl, die kurz nach ihrer Verurteilung wieder frei gelassen wurde —, merkte Karl Kraus 1907 an:

„WĂ€re der Strizzi Staat so ehrlich, zu bekennen, daß er die Kontrolle der Prostitution sich lediglich aus dem Motiv der Gewinnsucht sichern, daß er einfach auf die Steuern der konzessionierten Bordelle nicht verzichten will, seine Lumperei hĂ€tte einen gewissen Stil und bedĂŒrfte der klĂ€glichen Ausrede auf die Moral nicht.“cite-ref-125[125]

Im NS-Staat galten Prostituierte als asozial.cite-ref-126[126] Infolge der nationalsozialistischen Propaganda verbreitete sich in Deutschland die Vorstellung, dass diese Diskriminierung einem „gesunden Volksempfinden“ entsprechen wĂŒrde.

Bis in die 1960er-Jahre galten Frauen bereits als verachtungswĂŒrdig, sobald sie einmal von der Gesellschaft als „gefallenes MĂ€dchen“ betrachtet wurden.

In den meisten LĂ€ndern ist Prostitution verboten (siehe Prostitution nach LĂ€ndern).

Die BekĂ€mpfung der Prostitution wird mit der Sorge um den allgemeinen sittlichen Zustand der Gesellschaft begrĂŒndet sowie mit der Durchsetzung bestimmter Wert- und Moralvorstellungen (Arbeits- und Ausbildungsverbot fĂŒr Frauen oder diesbezĂŒgliche BeschrĂ€nkungen, Abtreibungsverbot, Strafbarkeit homosexueller Handlungen usw.) begrĂŒndet. Dazu kommt, dass Prostituierte auch öffentlich stigmatisiert wurden: Im Mittelalter mussten Prostituierte besondere Schleier und BĂ€nder tragen. Noch bis in die Moderne hinein wurden Frauen und MĂ€nnern, die in den Verdacht der Prostitution gerieten, in Akten als „sexuell auffĂ€llig“ oder „abnorm“ gefĂŒhrt. Zur Zeit des Nationalsozialismus wurden diese systematisch erfasst. In den Konzentrationslagern mussten sie als Asoziale einen Schwarzen Winkel tragen.

Laut einer Umfrage von Infratest dimap in Deutschland aus dem Jahr 1999 bejahten ĂŒber 70 % der Altersgruppen zwischen 18 und 59 Jahren die Frage, ob Prostitution ein anerkannter Beruf mit Steuer- und Sozialversicherungspflicht sein soll. 66 % der MĂ€nner und 69 % der Frauen sprachen sich dafĂŒr aus. Methodisch wurde die Umfrage allerdings insoweit kritisiert, als nach „Pflichten“ und nicht nach „Rechten“ fĂŒr Prostituierte gefragt wurde. Eine andere Formulierung hĂ€tte den Kritikern zufolge zu anderen Ergebnissen fĂŒhren können.cite-ref-127[127]

Bis 2002 wurde die bis dahin als sittenwidrig geltende Prostitution legalisiert, wodurch eine Steuerpflicht, aber aufgrund der fast ausschließlich als selbstĂ€ndige TĂ€tigkeit ausgefĂŒhrten Prostitution fĂŒr die Betroffenen keine Sozialversicherungspflicht, eingefĂŒhrt wurde.

2013 löste ein von Alice Schwarzer ins Leben gerufener und von zahlreichen Personen des öffentlichen Lebens unterzeichneter Appells gegen Prostitutioncite-ref-128[128] mit ĂŒber 10.000 Unterzeichnerncite-ref-129[129] eine gesellschaftliche Debatte aus. Darin wurde unter anderem ein besserer Schutz der von Menschenhandel und Prostitution betroffenen und eine „Ächtung und, wenn nötig, auch Bestrafung der Freier; also der FrauenkĂ€ufer, ohne die dieser Menschenmarkt nicht existieren wĂŒrde.“ gefordert. Als Gegenreaktion wurde vom Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen der Appell fĂŒr Prostitution initiiert und fand ebenfalls einige prominente UnterstĂŒtzer und ĂŒber 1.400 Unterzeichner.cite-ref-130[130]

Die so ausgelöste Debatte machte auch das 1999 erstmals in Schweden eingefĂŒhrte sogenannte Nordische Modell in Deutschland bekannt, wonach von Prostitution betroffene als Opfer sexueller Gewalt verstanden werden und deshalb keine Strafen fĂŒrchten, sondern mit prĂ€ventiven Maßnahmen und Ausstiegshilfen erreicht werden sollen, wohingegen alle Profiteure kriminalisiert werden. Neu ist dabei, dass erstmals auch die Nachfragenden Kunden als Profiteure kriminalisiert und als „sexuelle Ausbeuter“ stigmatisiert werden.

In Deutschland sprach sich laut einer Anfang 2014 veröffentlichten Emnid-Umfrage nach wie vor eine Mehrheit der Bevölkerung gegen das Verbot von Prostitution aus. Allerdings plĂ€dierten bereits 18 % fĂŒr eine Bestrafung von Freiern nach schwedischem Vorbild und 10 % befĂŒrworteten ein traditionelles Komplettverbot. Bei dem Thema unentschlossen war laut den Meinungsforschern ein ungewöhnlich hoher Anteil von knapp einem Sechstel.cite-ref-131[131]

2017 wurde das Prostituiertenschutzgesetz eingefĂŒhrt, welches Betroffene besser schĂŒtzen soll. Eine einseitige Bestrafung der Nachfrageseite wurde allein bei Verletzung der Kondompflicht vorgesehen.

Mediale Rezeption

Siehe auch

:

Wir Kinder vom Bahnhof Zoo

und

Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo

Rechtslage

Grundlagen

GrundsÀtzlich lassen sich aus rechtlicher Sicht vier Modelle zur Regulierung der Prostitution feststellen:cite-ref-di-nicola-132-0[132]cite-ref-renzikowski-133-0[133]cite-ref-rahden-134-0[134]

1. Nach dem Prohibitionsprinzip werden alle mit Prostitution in Verbindung stehenden Handlungen und Personen unter Strafe gestellt. Einen Sonderfall stellt das Nordische Modell dar, das zuerst 1998 in Schweden etabliert wurde: Dieses verfolgt den Ansatz einer asymmetrischen Kriminalisierung, nachdem nur jene Person bestraft wird, die sexuelle Dienstleistungen nachfragt, nicht jene, die sie anbietet.cite-ref-135[135]
2. Das Abolitionsprinzip zielt auf die langfristige Abschaffung der Prostitution, wÀhrend sie staatlicherseits mehr oder weniger toleriert wird. Verboten ist aber die Erzielung von Einnahmen aus der Prostitution anderer (zum Beispiel ZuhÀlterei), zum Teil auch das Betreiben von Bordellen (neuer Abolitionismus).cite-ref-di-nicola-132-1[132]cite-ref-renzikowski-133-1[133] Das Abolitionsprinzip nach dieser Definition ist nicht deckungsgleich mit den Zielen der historischen Abolitionsbewegung.
3. GemĂ€ĂŸ dem Regulationsprinzip ist Prostitution legal, aber staatlich reglementiert – beispielsweise mittels Sperrbezirken, Registrierungspflichten oder obligatorischen medizinischen Untersuchungen.cite-ref-136[136] Als Beispiele fĂŒr die Praktizierung des Regulationsprinzip gelten die Niederlande und Deutschland.
4. Das Entkriminalisierungsprinzip sieht Prostitution als Form der Erwerbsarbeit an und regelt sie entsprechend, das heißt, Prostitution wird entkriminalisiert.cite-ref-rahden-134-1[134] In Reinform wird dies jedoch in keinem Land praktiziert.

Prostitutionsgesetz (2002)

In Deutschland ist Prostitution von Erwachsenen, die dieser freiwillig nachgehen, seit dem Inkrafttreten des Prostitutionsgesetzes (ProstG) am 1. Januar 2002 legalisiert. In Bezug auf die Sittenwidrigkeit hingegen bestehen Vorbehalte, primĂ€r zum Zweck des Jugendschutzes.cite-ref-137[137] WĂ€hrend frĂŒher VertrĂ€ge ĂŒber geschlechtliches Verhalten als sittenwidrig und damit gem. § 138 Abs. 1 BGB als nichtig angesehen wurden, erkennt § 1 Satz 1 ProstG erstmals einen Entgeltanspruch von Prostituierten an, der – nachtrĂ€glich – entsteht, wenn die sexuellen Handlungen vorgenommen worden sind. Entsprechend ist auch das VerfĂŒgungsgeschĂ€ft ĂŒber dieses Entgelt wirksam. Allerdings ist davon das VerpflichtungsgeschĂ€ft zu unterscheiden. Da die Bereitschaft zu geschlechtlichem Verhalten um der MenschenwĂŒrde willen jederzeit widerruflich sein muss, kann ein ErfĂŒllungsanspruch hinsichtlich der Leistung der Prostituierten nicht bestehen.

Prostituiertenschutzgesetz (2017)

Am 1. Juli 2017 trat ein neues Prostituiertenschutzgesetz zur Reformierung des Prostitutionsgesetzes in Kraft, das die Regulierung der Prostitution verschÀrft.

Das Prostituiertenschutzgesetz enthÀlt unter anderem folgende wesentliche Neuregelungen:

‱ Eine Anmeldepflicht fĂŒr Prostituierte sowie die Ausweispflicht mittels Anmeldebescheinigung wĂ€hrend der AusĂŒbung der TĂ€tigkeit
‱ Verpflichtendes Informations- und BeratungsgesprĂ€ch sowie obligatorische regelmĂ€ĂŸige Gesundheitsberatung fĂŒr Prostituierte
‱ ZuverlĂ€ssigkeitsprĂŒfung und Pflichten fĂŒr Bordellbetreiber, Erlaubnispflicht fĂŒr die Eröffnung einer ProstitutionsstĂ€tte
‱ Eine gesetzliche Kondompflicht, bei Nichteinhaltung begeht der Kunde oder die Kundin eine Ordnungswidrigkeit, die mit einem Bußgeld von bis zu 50.000 € belegt ist.

Lokale Regelungen Prostitution findet je nach örtlicher Sittenverordnung statt. Manche StĂ€dte haben Sperrbezirke eingerichtet. Das heißt, dass Prostituierte ihrem Beruf nur an Orten nachgehen dĂŒrfen, an denen kein Wohngebiet ist und sich keine Schulen, KrankenhĂ€user, Kirchen oder sonstigen sozialen oder religiösen Einrichtungen befinden. Nicht selten bildete sich infolgedessen ein Rotlichtmilieu, wenn nicht gar ein ganzes Rotlichtviertel aus. PrĂ€gnante Beispiele sind in Hamburg-St. Pauli die Reeperbahn oder das Bahnhofsviertel in Frankfurt am Main.

Regelungen aufgrund der COVID-19-Pandemie in Deutschland

Im Rahmen der COVID-19-Pandemie in Deutschland wurde die AusĂŒbung von Prostitution aus GrĂŒnden des Infektionsschutzes vorĂŒbergehend verboten. Dies hat zu einer Zunahme der illegalen Prostitution gefĂŒhrt.cite-ref-138[138]

Diskussion um die Legalisierung

Kritiker der Prostitution verweisen auf die finanzielle und sexuelle Ausbeutung der Prostituierten bis hin zur Zwangsprostitution oder die Ausbreitung von Geschlechtskrankheiten. Die KĂ€uflichkeit der sexuellen Dienstleistung laufe zumindest Gefahr, den Menschen selbst zu einem kĂ€uflichen Objekt zu degradieren. Hierin liege ein Verstoß gegen die MenschenwĂŒrde der Prostituierten vor.

Gloria Steinem behauptet, eine Legalisierung könne dazu fĂŒhren, dass der Staat Frauen zur Prostitution anhĂ€lt. In Nevada habe die Regierung die Prostitution im Vergleich zur Sozialhilfe als Win-win-Situation betrachtet und vorangetrieben, bis dies durch massive Öffentlichkeitsaktionen gestoppt wurde.cite-ref-139[139]

BefĂŒrworter des Entkriminalisierungsprinzips sind hingegen bemĂŒht, die Prostitution als einen normalen Beruf zu etablieren. 2004 behauptete die Wiener Stadtsoziologin Julia Ortner, Erfahrungen in diversen LĂ€ndern zeigten, dass das Verbot nicht funktioniere und die Bedingungen fĂŒr die Frauen durch ein Verbot noch schlechter geworden seien. Dies gelte besonders, wenn nicht die Freier, sondern nur die Prostituierten bestraft wĂŒrden.cite-ref-falter2004-140-0[140]

BefĂŒrworter des Regulationsprinzips erwarten von der DurchfĂŒhrung regelmĂ€ĂŸiger Untersuchungen sowie der behördlichen Registrierung aller Prostituierten eine effizientere BekĂ€mpfung von AIDS und anderen sexuell ĂŒbertragbaren Erkrankungen.cite-ref-kriminalstatistik-141-0[141]

In Deutschland wurde auch eine Altersgrenze diskutiert. So gab es im Jahre 2014 innerhalb der Großen Koalition VorschlĂ€ge, die Altersgrenze auf 21 Jahre heraufzusetzen.cite-ref-142[142] Inwieweit eine solche Maßnahme vor Zwangsprostitution schĂŒtze, war umstritten. Kritiker befĂŒrchteten, dass die 18- bis 21-JĂ€hrigen dadurch wieder in die IllegalitĂ€t gedrĂ€ngt wĂŒrden.cite-ref-143[143]

VerbÀnde, Selbsthilfegruppen und Fachberatungsstellen

Die erst im 20. Jahrhundert in der Öffentlichkeit sichtbare Hurenbewegung ist sehr dezentral organisiert.

Deutschland

Es gibt eine Vielzahl von Hilfsorganisationen, die sich fĂŒr die Verbesserung der Lebenssituation in der Prostitution einsetzen.

Die Gewerkschaft ver.di versucht, mit einem Arbeitskreis Prostitution (Fachbereich 13 Besondere Dienstleistungen), die Interessen von Prostituierten zu vertreten. Dabei konzentriert sich die Gewerkschaft auf die arbeitsrechtliche Absicherung von Prostituierten, unter anderem mit einem Muster-Arbeitsvertrag. Daneben hat sich 2002 fĂŒr selbststĂ€ndige Prostituierte und Betreiber von Bordellen oder bordellartigen Betrieben der Bundesverband Sexuelle Dienstleistungen (BSD) gegrĂŒndet. Seit 2007 gibt es als reinen Arbeitgeberverband den Unternehmerverband Erotik Gewerbe Deutschland. Als Netzwerk unterstĂŒtzen sich die Mitglieder beim Umgang mit Behörden und versuchen die Öffentlichkeit ĂŒber den Wirtschaftszweig aufzuklĂ€ren.cite-ref-144[144] Seit Oktober 2013 existiert auch der von Prostituierten mit dem Ziel der Verbesserung ihrer Lebens- und Arbeitsbedingungen gegrĂŒndete Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen (BesD). Allgemein ist der Organisationsgrad derzeit sowohl auf Arbeits-, als auch auf Kapitalseite noch gering.

Das BĂŒndnis der Fachberatungsstellen fĂŒr Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter (bufas) setzt sich ein fĂŒr die dauerhafte Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen von Prostituierten, deren rechtliche und soziale Gleichstellung mit anderen ErwerbstĂ€tigen sowie die Entkriminalisierung der Prostitution. Die Ă€lteste deutsche Selbsthilfeorganisation fĂŒr „Sexarbeiter“ Hydra befindet sich in Berlin und besteht als Verein seit 1980. Im Jahr 2023 sind 35 Fachberatungsstellen im bufas Mitglied.cite-ref-145[145] Sie sind in freier oder kirchlicher TrĂ€gerschaft organisiert und finanzieren sich aus öffentlichen Geldern und Spenden. Alle zwei Jahre veranstaltete bufas eine Jahresfachtagung. Im Jahr 2014 wurde diese unter dem Namen „Sexarbeitskongress“ zusammen mit dem BesD ausgerichtet,cite-ref-146[146] 2016 fand der bislang letzte Kongress statt,cite-ref-147[147] der Termin 2018 wurde aus organisatorischen GrĂŒnden abgesagt.cite-ref-148[148] Der BesD startete mit dem Hurenkongress 2019 ein Nachfolgeformat,cite-ref-149[149] das 2021 coronabedingt nicht stattfand.cite-ref-150[150]

Das Bundesfamilienministerium finanziert fĂŒr den Zeitraum 2009–2014 drei Modellprojekte fĂŒr den beruflichen Umstieg von Prostituierten. Diwa in Berlin, OPERA in NĂŒrnberg und P. I. N. K. in Freiburg. Ähnliche Projekte beispielsweise beim Verein Madonna in Bochum wurden und werden auch auf kommunaler Ebene zeitweise finanziert.

Der 1993 gegrĂŒndete Arbeitskreis der Facheinrichtungen fĂŒr Sexarbeitende im deutschsprachigen Raum (AKSD) besteht aus elf Mitgliedseinrichtungen im deutschsprachigen Raum, davon zehn in Deutschland. Er setzt sich ein fĂŒr die Verbesserung der gesellschaftlichen und psychosozialen Situation mĂ€nnlicher Prostituierter. Schwerpunkt der TĂ€tigkeit sind gesundheitsfördernde Maßnahmen (einschließlich PrĂ€vention von STI) und eine sozialpĂ€dagogische und psychosoziale Versorgung mittels Anlauf- und Beratungsstellen. Daneben bieten GesundheitsĂ€mter seit 2001 eine kostenlose Testung und Beratung im Hinblick auf sexuelle ĂŒbertragbare Krankheiten an.

In Frankfurt am Main ist die 1998 gegrĂŒndete Selbsthilfeorganisation Doña Carmen fĂŒr Prostituierte ansĂ€ssig. Sie arbeitet unabhĂ€ngig von staatlicher Finanzierung und vertritt insbesondere die Rechte migrantischer Prostituierter. Sie bietet BordellfĂŒhrungen fĂŒr Frauen an, gibt die Zeitung „La Muchacha“ heraus und organisiert die Frankfurter Prostitutionstage.

Seit 1987 existiert der Bundesweite Koordinierungskreis gegen Menschenhandel e. V. Dieser ist ein Zusammenschluss von Fachberatungsstellen fĂŒr Betroffene von Menschenhandel. Hierunter fallen Opfer von sexueller Ausbeutung, Arbeitsausbeutung und Zwangsheirat. Der Koordinierungskreis vereint 43 Mitgliedsorganisationen.

Internationale Organisationen

Solwodi wurde 1985 von der katholischen Schwester Lea Ackermann in Kenia gegrĂŒndet und ist seit 1987 in Deutschland aktiv. Der Verein betreibt in Deutschland 19 Beratungsstellen, ist international in sechs LĂ€ndern aktiv und gilt als grĂ¶ĂŸte Organisation dieser Art.

International sind Beratungsstellen und Interessenvertretungen im 1991 gegrĂŒndeten Network of Sex Work Projects (NSWP) organisiert. Ein VorlĂ€ufer des NSWP war das International Committee for Prostitutes’ Rights (ICPT), das 1985 in Amsterdam die World Charter For Prostitutes’ Rights veröffentlichte. Ein Zusammenschluss europĂ€ischer Hurenorganisationen ist seit 2004 das International Committee on the Rights of Sexworkers in Europe (ICRSE).

Siehe auch

:

Internationaler Hurentag

und Internationaler Hurentag (2. Juni)

Siehe auch
Literatur

Allgemein:

‱ Theodora Becker: Dialektik der Hure. Von der «Prostitution» zur «Sexarbeit». Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2023, ISBN 978-3-7518-2009-7.
‱ Margit BrĂŒckner, Christa Oppenheimer: Lebenssituation Prostitution. Sicherheit, Gesundheit und soziale Hilfen. Helmer Verlag, Königstein 2006, ISBN 978-3-89741-205-7.
‱ Vern Leroy Bullough: History of Prostitution. University Books, New Hyde Park, NY 1964 (ĂŒbersetzt ins Italienische als Italian as Storia Della Prostituzione. dall Oglio, Mailand 1967).
‱ Norbert Campagna: Prostitution. Eine philosophische Untersuchung. Parerga, Berlin 2005, ISBN 978-3-937262-15-4.
‱ Tamara Domentat: Lass dich verwöhnen – Prostitution in Deutschland. Aufbau, Berlin 2003, ISBN 3-7466-7046-2.
‱ Elisabeth von DĂŒcker (Hrsg.): Sexarbeit. Prostitution – Lebenswelten und Mythen. Edition Temmen, Bremen 2005, ISBN 3-86108-542-9.
‱ Pierre Dufour: Geschichte der Prostitution. 2 BĂ€nde. Nachdruck: Reprint Eichborn-Verlag, Frankfurt am Main 1995, ISBN 3-8218-0517-X.
‱ Marcel Feige: Das Lexikon der Prostitution. Das ganze ABC der Ware Lust. Schwarzkopf & Schwarzkopf, Berlin 2003, ISBN 3-89602-520-1.
‱ Michaela Freund-Widder: Frauen unter Kontrolle: Prostitution und ihre staatliche BekĂ€mpfung in Hamburg vom Ende des Kaiserreiches bis zu den AnfĂ€ngen der Bundesrepublik. MĂŒnster 2007.
‱ Alice Frohnert: Ansichten der Prostitution. Dimensionen des heutigen Frauenbildes, dargestellt am Beispiel der Prostitutionsthematik in Texten der Boulevardpresse. Fischer, Frankfurt am Main 1992, ISBN 3-89406-675-X.
‱ Alice Frohnert: Dimensionen der Prostitution, Poly- und Monogamie: analysiert im Rahmen der patriarchalischen Gesellschaftsordnung. Weidler, Berlin 1992, ISBN 3-925191-67-4.
‱ Sabine Grenz: (Un)heimliche Lust: Über den Konsum sexueller Dienstleistungen. VS Verlag fĂŒr Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2005, ISBN 3-531-14776-5.
‱ Sabine Grenz, Martin LĂŒcke (Hrsg.): Verhandlungen im Zwielicht. Momente der Prostitution in Geschichte und Gegenwart. Transcript, Bielefeld 2006, ISBN 3-89942-549-9.
‱ Max Gruber: Die Prostitution vom Standpunkte der Sozialhygiene aus betrachtet. Vortrag. 1900.
‱ Cecilie HĂžigĂ„rd, Liv Finstad: Seitenstraßen – Geld, Macht und Liebe oder der Mythos von der Prostitution. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1987, ISBN 3-499-18390-0.
‱ Fritz Koch: Verwaltete Lust: Stadtverwaltung und Prostitution in Frankfurt am Main 1866–1968. Wiesbaden 2010.
‱ Malte König: Der Staat als ZuhĂ€lter. Die Abschaffung der reglementierten Prostitution in Deutschland, Frankreich und Italien im 20. Jahrhundert (= Bibliothek des Deutschen Historischen Instituts in Rom. Band 131). De Gruyter, Berlin 2016.
‱ Sybille Krafft: Zucht und Unzucht: Prostitution und Sittenpolizei im MĂŒnchen der Jahrhundertwende. MĂŒnchen 1996.
‱ Christian Friedrich Majer: Der Prostitutionsvertrag und die guten Sitten. In: Jura Studium & Examen. Ausgabe 3, 2012, S. 5–22 (zeitschrift-jse.de [PDF]).
‱ Laurie Penny: Fleischmarkt: Weibliche Körper im Kapitalismus. Edition Nautilus, Hamburg 2012, ISBN 978-3-89401-755-2.
‱ Nils Johan Ringdal: Die neue Weltgeschichte der Prostitution. [1997] Piper, MĂŒnchen/ZĂŒrich 2006, ISBN 3-492-04797-1.
‱ Julia Roos: Weimar through the Lens of Gender. Prostitution Reform, Woman’s Emancipation, and German Democracy, 1919–1933. University of Michigan Press, Ann Arbor 2010.
‱ Claudia Thoben: Prostitution in NĂŒrnberg: Wahrnehmung und Maßregeln zwischen 1871 und 1945. NĂŒrnberg 2007.
‱ Prostitution unter den Völkern der alten und neuen Welt geschichtlich und staatsrechtlich dargestellt. Stuttgart 1874 (Nachdruck: Reprint Verlag Leipzig, Holzminden 1999, ISBN 3-8262-1602-4).

Prostitutionsmilieu und ZuhÀlterwirtschaft:

‱ Roland Girtler: Der Strich. Soziologie eines Milieus. LIT Verlag, Wien 2004, ISBN 3-8258-7699-3.

Migration und Sexarbeit:

‱ Laura María Agustín: Sex at the Margins: Migration, Labour Markets and the Rescue Industry. Zed Books, London 2007, ISBN 978-1-84277-860-9 (Rezension siehe reflect-online.org).
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: Prostitution

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– BedeutungserklĂ€rungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Wikiquote: Prostitution

– Zitate

‱ Literatur von und ĂŒber Prostitution im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
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